1.0 Reizaufnahme

1. Reizaufnahme

Die erste Grundregel: Keine Wahrnehmung beginnt ohne vorherige Informationsaufnahme und Speicherung. Oder anders ausgedrückt, der Wahrnehmende ist stets im voraus bereits eingestimmt, von empfangenen Informationen unterschiedlicher Art vorgeprägt, mit zahllosen Vorstellungen ausgerüstet und vielen Erwartungen angefüllt. Er kann immer nur das wahrnehmen, was sein aktuelles Setting zulässt, was seine Konditionierung bereits an Aufmerksamkeit vorbereitet hat. So wird das Wahrgenommene in einen Kanon aus Definitionen eingebettet, damit es dem Tagesbewusstsein zur Verfügung gestellt werden kann.

Und die Bestimmung der aufgenommenen Reize ist ein Bestandteil des Erfassens, das als ein automatischer Prozess des Aufnehmens angesehen werden muss. Oder wie Goethe es passend formuliert: «Indem wir sehen, urteilen wir bereits.»

Oder anders gesagt: Jede sinnesorganische Erfassung von Reizen ist eingebettet in bereits gespeicherte Informationen, die das Sinnesorgan und alle nachfolgenden neurologischen Prozesse steuern. Das „Blatt“ Mensch ist bereits beschrieben, bevor es als unschuldiges Baby aus dem Mutterleibe schlüpft, denn der kleine Körper steuert sich von diesem Augenblick an bis zu einem gewissen Grade völlig autonom, also aus eigenen «Datensätzen». Damit der Mensch „leben“ kann, muss er grundsätzlich mit einem lebendigen «Programm» handlungsfähig für sein Überleben ausgestattet sein.


Sollte Dir ein Gedanke zu dem Text einfallen, dann schicke ihn mir bitte zu. ⇒ Vielen Dank.


Dieses Grundprogramm wurde von vielen materiell orientierten Wissenschaftlern vergeblich in den Genen und auch im Zellplasma gesucht. Längst besteht bei einigen aufgeschlossenen Wissenschaftlern die Hypothese, dass viele Informationen für das Dasein und die Erfassung der Umwelt in einem vorprogrammierten Gedächtnis des Zellkörpers abgerufen werden. Aber wie und warum die Informationen in der Zelle abgerufen werden, also warum das Baby wirklich lebt, scheint in einer anderen Dimension zu finden sein. In der indischen Philosophie und ihrer Religion findet man den Begriff des Karma, das sich im Laufe einiger Inkarnationen des Menschen ansammelt, und das jedes nachfolgende Leben dominiert. Zu diesem Modell der Inkarnation der Menschen gehört dann auch die Ansicht, dass der Mensch ein Mikrokosmos ist, eine Welt im Kleinen im bezug zum Kosmos. Dieses Wesen hat mehrere Gedächtnisspeicher, wobei das Karma der Gesamtspeicher des aurischen Wesens ist, das den Mikrokosmos belebt.

Wie bekommt der kleine Mensch diese Informationen? – Woher stammen sie?
Sicher ist die Genforschung im Recht, wenn sie die molekulare Vererbung zitiert. Aber in welchem Gen hat z.B. ein Vogel die Art des typischen Nestbaues gespeichert, den er einmal geschlechtsreif geworden, völlig selbstverständlich nachvollzieht, als hätte er es irgendwo abgekupfert? – Auch die Vögel leben in einem kleinen Kosmos aus feinstofflichen Kräften, einem sogenannten Gruppengeist, der natürlich alle Belange der Gattung bzw. Tierfamilie aufzeichnet. Für den Menschen ist es die Lipika im aurischen Wesen, ein feinstofflicher Speicher im Mikrokosmos, der die Person, den stofflichen Menschen als sein Werkzeug für weitere Erfahrungen in seiner Evolution adoptiert hat.

Die unbewusste Weitergabe bestimmter Charakter- oder Wesenseigenschaften, die immer mit der Speicherung wichtiger Gedanken- oder Verhaltensstrukturen einher gehen, ist naturwissenschaftlich nicht endgültig geklärt. Die Beiträge der Geisteswissenschaftler der esoterischen Szene zu diesem Thema werden in der Regel von den anderen materialistisch orientierten Wissenschaftlern und Medienmachern hartnäckig ignoriert. Niemand wird es bezweifeln, auch der Guru in Indien nicht: Normalerweise ist der Mensch jeden Augenblick von einer unüberschaubaren Zahl physikalischer und psychologischer (unstofflicher) Reize sowie Informationen umgeben und angefüllt, die permanent von seinen fünf oder sechs Sinnesorganen verarbeitet werden müssen.

Nehmen wir für die Erläuterung der Wahrnehmungsprozesse zunächst ein märchenhaftes Beispiel :
Ein Mädchen sitzt auf einer mit Blumen übersäten Wiese. Es sieht mit seinen Augen einen Teil dieser Wiese und hält in der Hand eine Blume. An seine Ohren klingt das Singen der Vögel. Es riecht das frische Gras und den Duft der Blüten und der nahe stehenden Bäume. Die strahlende Wärme der Sonne verstärkt alle Gerüche der Erde und der Pflanzen. Es fühlt die raue Oberfläche der Gräser und der leicht feuchten Erde, auf der es sitzt, und schmeckt die duftgeschwängerte Luft. Sein subjektives Lebensgefühl ist in dieser Umgebung mit großer Freude erfüllt.

Nun, dieses Beispiel ist sehr malerisch. Nehmen wir noch ein anderes:
Auf einer Strassenkreuzung in London-City oder Neu-Delhi wäre das Mädchen von einem Chaos von Sensationen umgeben und durchgeschüttelt. In diesem Durcheinander zahlloser aggressiver Informationen könnte sich der Mensch nie zurecht finden, würde er die vielfältige Sinnesreizung rein passiv aufnehmen und in vollen Umfang mit allen Details seinem Erfassen zuleiten. Darum ist es eigentlich sehr sinnvoll eingerichtet, dass zwischen dem Empfang der Sinneseindrücke und dem Empfang des Abbildes im Erkennen sowohl ein physiologischer als auch ein psychologischer Kontrollmechanismus eingeschaltet ist. Denn das Mädchen benötigt für seinen Auftrag, ein bestimmtes Haus zu erreichen, nur einen Bruchteil der Informationen, die hier im Großstadtgewirr aktiv unterwegs sind. Damit es sich nicht verirren kann, werden die unwesentlichen Informationen einfach über den Regelkreis «unwichtig» ausgeblendet. Es sei denn, es sind im Strom der Bits einige «Schlüsselreize» eingebettet, auf die der Mensch reagieren muss.

Doch wo und wann wurde dieser Kontrollmechanismus eingerichtet und konditioniert? –
Kommt der Mensch nicht bereits damit zur Welt?

Bevor die psychologischen Denkansätze mit den philosophischen Grundlehren in
Streit geraten, macht es Sinn, sich erst einmal mit den einfachen Wahrnehmungs-
strukturen zu befassen und ihre ureigenen Mechanismen durch einige Experimente zu untermauern.

Die Diskussion um die prinzipiellen Grundstrukturen, warum sie so sind und in welcher Entwicklungsstufe des Menschen sie eingerichtet wurden, kann dann später in einer geruhsamen Runde stattfinden, weil das Handwerkszeug von allen gekannt wird. Gerne werde ich mich diesem Gedankenaustausch widmen, weil im Grunde gerade dieses Thema die erzkonservativen Mechanismen beleuchtet und warum sie den Menschen derart im Bann halten.

Betrachten wir als erstes die Grundstrukturen der Reizaufnahme.

Dies ist notwendig, weil der allererste Beginn der Wahrnehmung – bei ganz präzisem Hinsehen – dort liegt, wo der Reiz – der ja ‚a priori‘ eigentlich noch keiner ist – auf das Sinnesorgan trifft, wo er erst durch seine Aktivität – dem Reizen der Empfangszelle – zu dem wird, wovon er seinen Namen hat.

Doch vorher noch ein paar Gedanken zu diesem allerersten Beginn.
Wir sagen: Ich sehe eine Blume. Und damit sprechen wir über einen vollkommen aktiven Vorgang, so wie: ich baue einen Tisch. Diese aktive Version ist so in unsere Sprache übernommen worden, als ob die Wahrnehmung keineswegs passiv abläuft, wie wir es jedoch grundsätzlich erfahren.

Betrachten wir dafür den Vorgang des Sehens einmal ganz präzise: Das Licht wird durch die Linse im Auge fokussiert und erreicht darum punktgenau die Netzhaut, wo das Abbild über die Sensoren zu Nervenimpulsen verarbeitet wird. (Genaueres bei Wikipedia https://de.wikipedia.org/wiki/Netzhaut) Das Empfangen von Lichtbildern wird in unserer Sprache zum «aktiven» Sehen oder Schauen oder Betrachten.
Unsere Sprache weist uns auf ein Phänomen hin, das in einigen anderen Zusammenhängen noch besprochen werden soll, nämlich die menschliche Aktivität in dem Prozess, auch wenn wir sie nicht bewusst erfahren. Die Sinnesreize und ihre Bedeutung erreichen uns nur, wenn wir unsere Aufmerksamkeit und unsere Sinnesorgane auf diese Sensationen lenken. Tun wir das nicht, wird unser Tagesbewusstsein nichts passiv erreichen. Inwieweit auch diese Aussage zu relativieren ist, ergibt sich aus den entsprechenden Textassagen.

Die zweite Grundregel der Wahrnehmung wird im Allgemeinen gerne übersehen oder als wenig bedeutend nur am Rande zur Kenntnis genommen: So wie es keine Farbe ohne Form, oder umgekehrt keine Form ohne Farbe gibt, ebenso wenig gibt es eine Information ohne ein Umgebungsfeld mit zusätzlichen Definitionen.

Wir möchten es hier präzisieren:
Jede räumliche Wahrnehmung visueller Art ist selbstverständlich auch in die Zeit eingebettet, ebenso wie jeder Ton und jedes Gefühl in einem Raum erklingt. Alle menschlichen Ereignisse sind also im normalen Leben stets von mehreren Parametern unserer Dimensionalität mitbestimmt. Das sind immer Raum, Zeit, Klang und Gefühl bei der Sensation sowie subjektive Aufmerksamkeit, also aktive Sinnesorgane und Hinwendung.

In den physiologischen Experimenten der Wissenschaftler, werden beim technischen Aufbau der Versuche große Anstrengungen unternommen, um bekannte Störfaktoren auszuschalten und auch notwendige begleitende Erscheinungen weg zu interpretieren.

Die Reizaufnahme, Wahrnehmung, ist also ein recht komplexer Prozess, in den eine Reihe automatisch ablaufende Vorgänge eingreifen, die sowohl vom Setting des Rezipienten als auch vom Zustand der Umgebung im Raum abhängig sind.

1.1 Physiologische Reizaufnahme

Wer sich ernsthaft mit den Komponenten der Wahrnehmung befassen will, gerät in das höchst komplexe Grenzgebiet zwischen den beiden Wissenschaften Physiologie (Lehre von den normalen Lebensvorgängen) und Psychologie (Lehre von den Erscheinungen und Zuständen des bewussten und unbewussten Seelenlebens) sowie der Esoterik (Beschreibungen transpersonaler Vorgänge). Wer schon ein wenig über die einzelnen Vorgänge seiner Sinnesaufnahme kennengelernt hat, kann sein eigenes Verhalten als Reaktion auf die Information aus seiner Umgebung möglicherweise besser korrigieren, als jemand, der völlig unbewusst im Reizschema steht.

Kehren wir dazu zum angeführten Beispiel «Mädchen auf der Wiese» zurück. Das Mädchen sieht die Blumen auf der Wiese, d.h. die Blumen mit dem Ausschnitt der Wiese werden auf der Netzhaut des Mädchens abgebildet. Die dort wirkenden Zellen, Zäpfchen für Hell-Dunkel und für die Farben Grün – Blau – Rot empfangen das Licht, das durch die Linse des Auges fällt. Hier werden unterschiedliche Zäpfchen auf der Retina gereizt, die für Farben oder für Hell-Dunkel zuständig sind. Diese Zäpfchen werden erregt. Sie wandeln die empfangene Menge Lichtenergie für den Transport des Lichtimpulses in den Nerven teils in chemische, teils in elektrische Energie um.

(Abbildung aus Wikipedia )
Nervenzelltypen der Netzhaut schematisch.
Das Licht fällt von links ein,
weiß unterlegt die zellkernreichen Schichten.
v.l.n.r.: weiß: Ganglienzellen und ihre Axone,
grau: innere plexiforme Schicht,
weiß: amakrine Zellen, bipolare Horizontalzellen,
gelb: äußere plexiforme Schicht,
weiß: Fotorezeptoren, hellbraun: Fotorezeptoren und Außensegmente

Vereinfacht dargestellt: In den Zäpfchen «sterben» beim Sehen dafür aufgestapelte Zellplättchen in den Fotorezeptoren. Diese dadurch verursachte chemische Veränderung in den Zellen wird über den Rezeptor an die Nerven weitergegeben. Die Nerven leiten diese minimale Reizung, also als «Qualität und Quantität des Lichtes» an das zuständige Areal im Gehirn. Dort gelangen diese Informationen zunächst in das Ultrakurzzeit-Gedächtnis, und zwar als elektromagnetische Schwingungen innerhalb eines virtuell chemisch-elektrischen Reiz-Reaktionskreises. Mit diesem Informationsstrom werden dann nach dem isobaren Resonanzprinzip bereits vorhandene Erinnerungen sowie Reize aus anderen Sinnesorgane verbunden. Das ist der Übergang zum Gedächtnisbereich, in dem laut Frederic Vester und anderen Physiologen Molekülketten aufgebaut werden, die dann in dem Gehirnteil gespeichert werden, das dem Langzeit-Gedächtnis zugeordnet wird. (Näheres dazu findet sich bei F. Vester, dva Öffentliche Wissenschaft, Stuttgart, 1975) Diese Beschreibung der visuellen Wahrnehmung ist zunächst rein mechanistisch physiologisch gesehen. Geisteswissenschaftlich stellt sich dieser Vorgang der sinnesorganischen Wahrnehmung etwas anders dar, denn es ist insgesamt vor allem ein ätherischer Vorgang.

1.2 Psychologische Wahrnehmungsgestaltung

Bei dem zitierten Beispiel ist der psychologische Mechanismus noch leicht zu erkennen. Stellen wir uns die Situation noch einmal vor:
Das Mädchen sitzt auf der Wiese. Es ist von unterschiedlichen schönen Sinnes- reizen umgeben, und dennoch nimmt sie im Moment nur eine Blume wahr. Die Pupille des Auges ist so eingestellt, dass eben nur diese eine Blume scharf auf der Netzhaut abgebildet wird. Das bedeutet: aus irgend einem inneren Grund hat das Mädchen seine Aufmerksamkeit gerade dieser Blume zugewendet. Dieser Vorgang ist allerdings nur psychologisch beschreibbar. (Mehr darüber im Kapitel «Aufmerksamkeit») Allerdings werden auch die anderen Sinneseindrücke das Gesamtereignis und seine Rezeption deutlich beeinflussen, auch wenn ihnen keine Aufmerksamkeit geschenkt wird.

Eines wird dabei ganz deutlich:
Die Wahrnehmung ist ein Prozess, bei dem die Sinnesorgane vom Empfang bis zur Reizweiterleitung von bereits gespeicherten Informationen gesteuert werden. Diese werden bewusst, also absichtlich oder unbewusst beeinflusst. In jedem Falle sind neben rein äußerlichen Faktoren auch irrationale oder psychologische Ebenen beteiligt. Man muss sich darüber klar sein, dass eine Vielzahl psychologischer Aspekte das Ergebnis der Reizverarbeitung bestimmen.

Demnach ist Wahrnehmung eine durchaus aktive Verhaltensweise und dazu eine sehr komplexe Leistung. Um dieses noch deutlicher zu machen, ist es sinnvoll, das Wort «Wahrnehmungsgestaltung» oder den Begriff «Wahrnehmungsorganisation» zu benutzen. Oft wird bei der Diskussion über die Sinnesorgane das Gleichgewichtsorgan im Ohr vergessen, das z.B. beim Empfinden von Beschleunigungen wirksam wird. Und man unterschlägt auch gerne, dass alle Lebensvorgänge im Körper von Empfindungen und von Reizungen unzähliger Nervenzellen, von subjektiven Gefühlen des Druckes und der Temperatur begleitet werden, die in ihrer Leitfähigkeit auch von unbewussten Determinanten beeinflusst werden.

Darüber hinaus sollte man auch berücksichtigen, dass Sinneseindrücke niemals eine Momentaufnahme in einem Vakuum ohne jeden Sinnesreiz sind, sondern sie bestehen – natürlich in unterschiedlicher Menge und Strukturierung – immer in einem Ablauf von Zeit und in einem strukturierten Raum. Wenn man sich diesen Umfang von Sinneseindrücken in ihrer Gesamtheit einmal vorstellt, dann ist es leicht zu begreifen, dass es schon einer hervorragenden Organisation oder Gestaltung der Wahrnehmung bedarf, damit der Mensch in komplexen Lebenssituationen überlebens- und handlungsfähig bleibt.

Diese Vorgänge erfolgen in der Regel spontan, ohne Leitung des Bewusstseins, schneller und mit größerer Zuverlässigkeit, als es absichtliche Überlegungen erlauben würden. Darüber hinaus kann der Mensch natürlich seine Wahrnehmung in gewissen Grenzen willentlich beeinflussen. Er kann zum Beispiel seine Aufmerksamkeit auf ein bestimmtes Detail im Gesamtfeld aller ihn umgebenden Reize konzentrieren. Man kann auch nach spezifischen Bedeutungen suchen. In vielen Fällen wird man eine besondere Wahrnehmungsgestaltung absichtlich im Sinne eines vorgenommenen Zieles hervorrufen. In sehr vielen Phasen des Lebens wird von der Person keine absichtliche Wahrnehmungsgestaltung angewendet, weil sie sich in der Abwicklung von Routineprozessen befindet, die keiner genauen Betrachtung bedürfen, weil die zugehörigen Abläufe vielfach trainiert wurden.

Viele Experimente zur Wahrnehmung finden vor allem in Labors statt, in denen durch besondere Anordnungen des Versuchs gezielt störende Wahrnehmungsinformationen ausgeschaltet werden, um eine einzelne Reaktion statistisch relevant beurteilen zu können. Dabei wird jedoch oft und ohne bewusste Kontrolle das psychologische Setting der Testpersonen ignoriert. Aber Sie wissen es selbst aus eigener Erfahrung, dass z.B. die gesundheitliche Konstitution oder Ärger, Zorn, Eifersucht und Neid, oder ein fundamentales primäres Bedürfnis die Wahrnehmung erheblich verändern kann. Dabei sollten auch die Auswirkungen des morphogenetischen Feldes, wie es von Rupert Sheldrake beschrieben wurde, berücksichtigt werden.

1.3 Bedeutung der Wahrnehmungslehre

Warum befassen sich viele Psychologen, Soziologen, Pädagogen, Werbestrategen und Medien-Designer mit diesem komplexen Bereich?
Unter vielen anderen Gründen scheint eine Tatsache besonderes wichtig zu sein:
Wie der Mensch sich verhält, hängt zum großen Teil davon ab, wie er die ihn umgebende Welt erfassen kann. Also alle Lebensreaktionen des Menschen auf seine soziale, humane, technische und natürliche Umwelt sind eingebettet in ein Feld von Wahrnehmungen, die er selbst aktiv oder unbewusst auswählt und damit gleichzeitig durch eine vorgeprägte Organisation seiner Sinnesorgane bestimmt. Viele Faktoren liegen allerdings in seiner wesensmäßigen Prägung.

Also Charakter, Rasse und soziales Umfeld und seine aktuelle physiologische als auch psychologische Konstitution bzw. Absichtseinstellung sind mitbestimmende Kriterien, wie und was wahrgenommen und wie es im Menschen verarbeitet wird.

Es ist demnach in einem gewissen Rahmen möglich, aus den Beschreibungen dessen, was und wie der Mensch wahrgenommen hat, und aus seinen definierbaren Reaktionen darauf, auf sein künftiges Verhalten zu schließen. Auch wird immer wieder versucht, durch besondere Reize für die Wahrnehmung, das Verhalten des Menschen zu beeinflussen, so wie es durch Propaganda oder Werbung in Medien und Internet, durch Massenveranstaltungen, sei es kultureller, sportiver, politischer oder religiöser Art permanent ausgeführt wird. Auch die stete zwischenmenschliche Kommunikation innerhalb der Gesellschaft zwischen Nachbarn, Partnern oder Familienmitgliedern bedient sich fortwährend der selben Mechanismen. Wie eingangs beschrieben, ist der Vorgang der Verhaltensstimulierung durch Wahrnehmungsreize jedoch recht komplex, dass man nicht von einer direkten Rückkopplung auf das Verhalten sprechen kann. Die totale Verflechtung meist nicht ganz erforschter psychologischer und physiologischer Vorgänge bei der Wahrnehmung stören nicht nur den Werbefachman und den Propagandastrategen, sondern erschwert natürlich auch den empirischen Zugang zu einzelnen Vorgängen in der Arbeitswelt oder der Führung von Besucherströmen in großen Städten, auf Bahnhöfen oder Flughäfen.

Eine zusätzliche Barriere für die genaue wissenschaftliche Untersuchung ist das Zusammenwirken mehrerer Sinnesorgane, auch Synästhesie genannt. So ist für das Mädchen auf der Wiese das Bild der Blume unlösbar verknüpft mit dem Singen der Vögel und dem Duft nach frischem Gras und ihrem aktuellen Zustand des Verliebtseins. Es konnte noch nicht endgültig geklärt werden, wie weit sich dabei die Wahrnehmungen der Sinnesorgane gegenseitig verstärken oder abschwächen. Eine ganze Reihe von Erfahrungen konnten schon beim Zusammenwirken von Farben und Musik zusammen getragen werden.

Bei der Durchführung von Happenings, Sessions oder Events bedient man sich zunehmend der Steigerung der Sinneseindrücke durch gezieltes Zusammenspiel von Farben und Formen sowie Farben plus Licht und Bewegung gekoppelt mit der eigenen Aktion des Körpers, wie es in vereinfachter Form in jeder Diskothek zu finden ist. Überall wo viele Menschen mitwirken, ist natürlich auch der olfaktorische Reiz (der Geruch) mit einbezogen, was in seiner Dominanz nicht zu unterschätzen ist. Wer sich einmal mit dem Thema Massenpsychose beschäftigt hat (Le Bon), dem erklären sich auch die grandiosen Wirkungen religiösen Feiern, Prozessionen oder politischer Machtdemonstrationen und bei großen Demonstrationen.

Diese Einführung in die Wahrnehmung versucht ganz vorsichtig, die Vorgänge und Erscheinungen zu umreißen, die zur Zeit erforscht wurden, wobei der Schwerpunkt in dieser Zusammenstellung der bekannten Daten auf der visuellen Wahrnehmung liegt. Es ist für jeden Informatiker und Designer, ganz gleich welcher Kategorie, von großem Vorteil, diese Wahrnehmungsphänomene etwas genauer zu kennen, auch wenn das kreative Potential meist im Unterbewusstsein verborgen ist, das keinen rationalen Zugriff zulässt. Jeder Gestalter hat die Möglichkeit, wenn er sich der wichtigsten Faktoren bewusst ist, diese für seine Arbeiten gezielt einzusetzen, bzw. seine Kreation so vorzunehmen, dass z.B. bestimmte optische Täuschungen oder andere Wahrnehmungsphänomene geschickt den Aufmerksamkeitswert steigern oder durch ihr Auftreten die Kommunikation behindern können. Damit erreicht er sicherer, dass seine Gestaltungen so aufgenommen werden, wie es von ihm beabsichtigt war.

1.4 Wahrnehmung und Bewusstsein

Wer sich konkret mit den Phänomenen der Wahrnehmung befassen will, ist eigentlich gezwungen, sich des Themas „Bewusstsein“ einmal etwas genauer anzunehmen, denn jede Wahrnehmung wird im Bewusstsein des Wahrnehmenden aufgerufen, sei es nun Mensch oder Tier oder Pflanze.

Beginnen wir mit einigen prägnanten Fragen
Wie benimmt sich Bewusstsein, wie arbeitet es?
Was transportiert das Bewusstsein?
Ist das Bewusstsein etwas substanzartiges oder etwas energetisches? – Wenn ja, was?
Wer hat Bewusstsein? – Kann man es überhaupt besitzen?

Es ist schon erstaunlich, wenn die Düsseldorfer Neuropsychologin Petra Stoerig schreibt: «Das einzige, was ich sicher weiß, ist, dass ich selbst bei Bewusstsein bin. Und dann kann ich natürlich vermuten, mein Gegenüber hat das wahrscheinlich auch. Aber nachweisen kann ich das letztlich nicht.»
Warum empfinden wir Lichtwellen als Farben, und Schallwellen als Töne?
Warum sehen wir langwelliges Licht als «Rot», und kurzwelliges als «Violett»?
Der Berliner Philosoph Peter Bieri macht den Rahmen der wissenschaftlichen Unkenntnis zu diesem Phänomen anhand eines Gedankenspiels deutlich: «Selbst wenn wir einen genauen Einblick in das Gehirn gewönnen, selbst wenn wir genau beobachten könnten, wie die Neuronen auf welche Reize reagieren, würde uns dies bei dieser Untersuchung keinen Schritt zu der Erkenntnis dessen voranbringen, was wir so schlechthin Bewusstsein nennen.»

Die meisten Wissenschaftler, die sich mit den Fragen des Bewusstseins und der Wahrnehmung beschäftigen, sind im Grunde ihres Seins unverbesserliche Materialisten. Darum suchen sie mit den ihnen vertrauten Bildern ihrer Umwelt, die natürlich der materiellen Empirie entliehen wurden, nach einer Konkordanz mit dem, was eigentlich nicht materiell sein kann.
Wahrnehmung und Bewusstsein entfalten sich und vermitteln sozusagen zwischen den menschlichen Vorstellungen oder Erinnerungen, auch abstrakter Art, wie z.B. Zuneigung, Hass, Liebe, Eifersucht etc. und den aktuellen Empfindungen der inneren Wahrnehmung, meist unterbewusst, und zwischen allen sinnesorganischen Registrierungen.
Dabei sollte das Erinnern, Denken oder Bedenken eigentlich auch als eine Art sinnesorganische Wahrnehmung angesehen werden, an der das Bewusstsein direkten Anteil hat. Und das ist, wie alle reifen Menschen bestätigen werden, völlig immateriell, obwohl es im Körper mit organischen und zellulären Reaktionen verbunden erfahren wird. Und nur darum wird das Erfassen von den Empirikern als eine Eigenschaft der Materie angesehen, wie so eine Art Reflektion der Oberfläche.
Tatsächlich findet wohl ein Teil der Informationsleitung zwischen den Sinnesorganen und den Gehirnarrealen tatsächlich rein materiell statt. Aber die Erkenntnisstruktur, warum z.B. Grün nun einmal Grün ist und nicht Rot, oder ein Ton ’a eben nur dieser Ton und kein anderer ist, dass sind virtuelle Bestimmungen, geboren aus dem Zusammenleben in einer Kultur. Diese Übereinkünfte entstammen einem unstofflichen Lebensbereich, der mit dem materiellen Dasein koexistiert.

Eine weitere Frage ist weiterhin von eminenter Bedeutung für den europamerikanisch erzogenen Menschen:
Hat der Mensch, der Körper das Bewusstsein, ist er selbst sozusagen der Besitzer der Bewusstheit?

Es ist die Regel aller westeuropäischen Philosophie, dass die Bewusstheit,  ja das Leben selbst, eigentlich vom Menschen ausgeht, dass es ihm innewohnt. Die Umwelt nimmt er mit seinen Sinnesorganen wahr, die der Mensch besitzt. Und es gibt heute in der Quantenphilosophie sogar Philosophen, die die Behauptung aufstellen, nur weil der Mensch die Welt wahrnimmt – er sie also misst – wird die Welt existent, wahrnehmbar.
Bereits Theillard de Chardin versuchte in einem seiner hervorragenden Bücher «Le Phénomène Humain – Der Mensch im Kosmos» folgendes zu dokumentieren: «Jedes Materieteilchen besitzt ein Geistteilchen. Die Summe dieser Geistpartikel repräsentiert in seinem Denken Gott, den Gott dieser Welt.» Doch – es sei hier nur am Rande bemerkt, denn es gehört in ein anderes Lehrgebäude – Geist ist unteilbar, er ist immer und überall unabhängig von jeder anderen Offenbarungsqualität.
Damit wird dann eigentlich auch deutlich, dass Bewusstsein einer anderen Dimension angehört. Es kann sich im Stoff manifestieren, ist aber keine materielle Qualität, sondern eine metaphysische, die allerhöchstens mit psychologischen Denkmodellen angedeutet werden kann.

Dabei ist jedoch ganz deutlich der prinzipielle Fehler der westlichen Wissenschaftler zu erkennen. Die Materie bringt nicht das Geistige hervor, oder das Bewusstsein oder wie auch immer. Wie eigentlich jeder einigermaßen gebildete Mensch leicht feststellen kann, werden wir in unserem Leben von den Inhalten unseres Denkens und Fühlens bewusst oder unbewusst gelenkt. Oder sehen Sie das immer noch anders?

Der Gedankenfehler liegt bei vielen Wissenschaftlern – Neuropsychologen und Informatiker –, also in der Definition oder Kategorisierung dessen, was unter Bewusstsein verstanden werden darf. Warum kann man von einem Gedankenfehler sprechen?
Die Grundprägung unseres Wesens oder Charakters basiert auf den Wahrnehmungen zur Selbsterhaltung des Körpers und den damit verbundenen materiellen Erfahrungen im Kleinkindesalter, die von den unterbewussten Überlebensstrategien des heranwachsenden Menschen geprägt sind. Dies führte zu der logischen Schlussfolgerung, die im kindlichen Langzeitgedächtnis abgespeichert und dem Heranwachsenden von allen Erziehern immer wieder erneut bestätigt wird, dass das Leben vor allem ein Überlebenskampf, ein Ringen mit der unbarmherzigen materiellen Umgebung ist. Dabei wird in der westlich-christlichen Kultur wie selbstverständlich die karmische Vorprägung aus früheren Inkarnationen übersehen. Derartige Gedanken wurden schon bei einem kirchlichen Konzil um 333 n.Chr. mit dem Bannfluch belegt.

Auch darum stellt sich heute im Zeitalter der maschinellen Fortschrittstechnik die Fortbildung aller Menschen in etwa so dar:
Die Schulbildung ist zu einer Vorbereitung für den Arbeitskampf geworden, um so den beruflichen Anforderungen gewachsen zu sein. Bildung, Ausbildung, Studium und Forschung sind Strategien für den Überlebenskampf, Selbsterhaltung, Arterhaltung, Systemerhaltung.

Die Pädagogen aller Lehranstalten führen die heranwachsenden Kinder in die totale Befestigung dieses Irrtums: alles ist Materie, die Materie ist der Ursprung allen Seins. Seit Aristoteles, Bacon und Isaak Newton bis zu Einstein, ist nur die von jedem Menschen nachprüfbar wahrnehmbare Empirie die Wirklichkeit der Natur und des Lebens. So kann dann Pawlov mit einigen Experimenten darstellen: Gefühle, Gedanken, Empfindungen sind eine Reaktion auf materielle Reize, und alle Behavioristen folgen seinem Denken. Jedoch beginnen sich die Zeiten zu ändern. Viele moderne Philosophen, die sich sowohl mit den modernsten wissenschaftlichen Erkenntnissen als auch mit neuen Erkenntnissen indischer Maharishis befasst haben, erlauben sich, ein esoterisch spirituelles Weltbild vorzustellen, in dem unstoffliche Kraftwirksamkeiten, ein Akashafeld oder ein PSI-Feld von großer Bedeutung sind.

Es lohnt sich, über die Frage, warum sich das so entwickelt hat, tiefer nachzudenken. Zunächst kann man sagen: weil die physikalischen, biophysikalischen, chemischen und atomaren Experimente auf die materiellen Messgeräte abgestimmt durchgeführt werden, können nur materielle Auswirkungen wahrgenommen und begutachtet werden. Von den Ergebnissen dieser einseitigen Experimente, die auch noch auf den Ergebnissen der Gedanken aller Mitwirkenden beruhen – was auch bedenkenlos zugegeben wird (morphogenetisches Feld von Rupert Sheldrake) – werden dann konkrete Modelle der Schöpfung geschaffen. Das sind natürlich Gedankenmodelle, in denen völlig immaterielle Kraftfelder ihre Wirkung entfalten.

Nach Aussage der westlichen Wissenschaftler bleibt Bewusstsein also eine Eigenschaft der Zellen, genau gesagt der Nervenzellen im Gehirn, also eine Art Produkt der materiellen Organe. Es scheint doch, dass diese Annahme mehr ein Glaube an die eigenen Vereinbarungen ist, als eine Tatsache. Denn in den bevölkerungsreichen Ländern China und Indien wird die Qualität Bewusstsein doch etwas anders gesehen.

Und so muss es noch einmal konkret gefragt werden:
Was ist das Bewusstsein wirklich? – Wie und wo ist sein Raum, in dem es existiert und aus dem es uns lenkt? Oder ist es eine imaginäre Chimäre?
Sicher nicht, denn jeder Mensch ist selbstbewusst bis hochmütig, stets arrogant auf seiner persönlichen Weltanschauung beharrend. Manchmal zieht er dafür bis in den Krieg. Wer sich der vielen Religionskriege erinnert, die die Menschheits-Geschichte wie ein roter Faden durchziehen, weiß was hiermit gemeint ist. Alles ist doch nur eine Frage des „Bewusstseins“.

Wer könnte uns aus diesem Irrgarten von Anschauungen und vorgefassten Vorstellungen einen Ausweg zeigen? –
Gibt es eine nachvollziehbare Methode, dem nahe zu kommen, was uns stetig begleitet wie das Atmen?

Versuchen wir, diesem Gedanken gemeinsam zu folgen:

Erfassen wir achtsam, was wir lesen.
Erfassen wir definitiv achtsam, dass wir lesen?!
Erfassen wir achtsam, wie das alles in uns geschieht?

Das sind konkret Gedanken, die Buddha bereits seinen Mönchen vor über 2000 Jahren gelehrt hat. Man kann heute durchaus davon ausgehen, dass der Buddha sehr wohl sehen konnte, was das Bewusstsein ist und welche Rolle es in den Menschen spielt.

Ist das Sehen nur ein materieller Vorgang in den Augen und in den Nerven?
Wo und wie schaue ich hin, wenn ich lese?
Ist es der einzelne Buchstabe, der Sinn macht? –
Ist es das Wort? – Oder ist es der Satz? –

Die Aneinanderreihung von Buchstaben erzeugen ein Wort, das Wort hat einen Sinn. –
Wo ist der Sinn?
Er ist nicht die Abfolge der Buchstaben! Der Sinn eines Wortes ist eine mentale Vereinbarung mit Menschen, mit den Mitmenschen unserer Sprache. In dieser angelernten Übereinkunft wurde das Wort einstmals mit einer Bedeutung versehen. Diese Bedeutung wurde auch mehrmals verändert und die Bedeutung ist durch die gemeinsame Verwendung einer Volksgruppe entstanden.
T I S C H … ist für jeden Erwachsenen ein Tisch und kein Flugzeug, was er für Kinder in ihrer Fantasie aber durchaus noch sein kann.
Woher kommt die Bedeutung? – In einem Bedeutungslexikon steht nur der etymologische Zusammenhang des Wortes, vielleicht auch, wie die Bedeutung im Laufe der Zeit modifiziert und von wem wofür benutzt wurde. Aber die Bedeutung ist absolut keine materielle Erscheinung, sie ist nicht in den gedruckten oder niedergeschriebenen Buchstaben enthalten. Das ist für jeden plausibel. Sie schwebt sozusagen virtuell zwischen den Leser und dem Buch.

Wenn man nun mehrere Wörter zu einem Satzgebilde aneinander reiht, dann entsteht ein übergreifender Sinninhalt, der im Bewusstsein angekommen, zahllose verschiedene psychologische Affekte im Leser auslösen kann. Er reagiert möglicherweise mit Interesse oder mit Abscheu, seine Gefühlspalette entfaltet sich je nach Inhalt des Satzes und je nach augenblicklicher Einstellung. Das alles sind völlig immaterielle Reaktionen, die sich nicht direkt von den farbigen Schriftzeichen auf dem Papier ableiten lassen, sondern von der Bedeutung und seinem Appeal für den Menschen in seinem Setting abhängen.
Es geschieht etwas mit dem Leser in seinem Denken und Fühlen. Es beginnt mit dem Erkennen des Sinnes. Angeregt durch seine psychische Neugier beginnt der Leser zu lesen. Nun begegnet er dem Sinn des Satzes im Erfassen resonanter Erinnerungen. Das wird in diesem Zusammenhang als Gedächtnis bezeichnet, einem Vorrat an bereits vorhandenen Ansichten und Vorstellungen. Bleiben wir uns ganz bewusst und betrachten wir diesen Vorgang noch einmal sehr genau. Die Augen sehen das Wort- und Satzbild. Die Sehnerven vermitteln das Bild an den Cortex. Doch es sind nicht die Sehnerven, die den Sinn übertragen, es ist vielmehr das innere Erfassen, das den Sinn des Satzes beim Lesen aufnimmt. Allein dieser Vorgang macht das Lesen möglich, allein das Immaterielle bewirkt ein richtiges Verstehen und die Kommunikation.

Hier können wir also erst einmal festhalten:
Die mit stofflichen Sinnesorganen aufgenommenen Sätze in hunderten von Sprachen, gesprochenen oder geschriebenen, schenkt das unstoffliche Bewusstsein dem Menschen mit seinem Denkvermögen die Fähigkeit, darin einen Sinn zu erkennen. Wir gehen davon aus, dass die Aufnahme der Sprache oder Schrift mit Hilfe der stofflichen Sinnesorgane geschieht und der Sinninhalt mit Hilfe des virtuellen Organs Verstand erfasst wird.

Unser Beispiel war das Lesen, aber es könnten auch andere Informationen sein, die das Erfassen aufnimmt und der Mensch sich für eine gewisse Zeitspanne damit verbindet. Wie ist es z.B. mit der Musik, mit dem Träumen, dem Déjà-vue, bei Meditationen oder bei mystischen Erleuchtungen, usw.?
Nach der Affizierung des Denkvermögens mit dem Inhalt geschieht nun etwas völlig Neues, und dieser Vorgang geht dank dem Denkvermögen sehr sehr schnell von statten. Das aufgenommene Sinnhafte wird bereits im Erkennen sofort mit im Gedächtnis gespeicherten Erinnerungen an früher aufgenommenes Sinnhaftiges gleicher Art abgeglichen und davon direkt bewertet. Wir beurteilen bereits im Wahrnehmen, hat Goethe sehr trefflich geschrieben.

Aber – und das muss jetzt betont werden – all dieser Sinnesaustausch findet zwar mit Hilfe der materiellen Bestandteile und Zellen in den Nervenbahnen und im Gehirn des Körpers statt. Die Wahrnehmung im und durch das Bewusstsein ist jedoch im Wesen kein stofflicher Vorgang, keine nachweisbare physikalische Erscheinung. Auch wenn bei dem Erfassen verschiedene Faktoren physiologischer Art der Sinnesorgane mitgestalten, wie etwas vom Tagesbewusstsein des Lesers aufgenommen werden kann.
Es handelt sich stets um Bewusstseinsinhalte, wie wir nun an uns selbst beobachtet haben. So wenig wie der Wein der Krug ist, so wenig ist der bewusst aufgenommene Sinn eines Ereignisses die materielle Manifestation des Ereignisses. Die Wahrnehmung und ihr Sinn sind eine nicht materielle Ausströmung des Ereignisses, so würden die Psychoanalytiker sagen. In diesem Zusammenhang kann dann auch die andere Frage beantwortet werden:

Ebenso wenig wie das Bewusstsein des Körpers der Körper selbst sein kann, genauso wenig besitzt der Körper das Bewusstsein.
Wir haben also kein Bewusstsein, allerhöchstens
können wir über ein Bewusstsein verfügen, wenn uns das bewusst ist.

Das Tagesbewusstsein arbeitet in der Wahrnehmung mit den Sinnesorganen des Körpers zusammen. Wenn Sie z.B. einem Konzert lauschen, dann erleben Sie nicht nur die Vibrationen der Härchen in der Schnecke ihres Innenohres. Sondern Sie lauschen verzückt und emotional tief bewegt den Klängen eines Musikstückes, z.B von Mozart oder Beethoven oder eines anderen Komponisten. Im inneren Erfassen, vor dem inneren Auge tauchen Bilder auf, die sich ganz mit Gefühlen, Gedanken füllen, den immateriellen Sinninhalten des Gedächtnisses früherer Erlebnisse, oder sich mit aktuellen oder erinnerten Trauminhalten verbinden. Das geschieht ganz von selbst beim Hören oder beim Lesen, mehr oder weniger passiv.

Das alles ist natürlich mit verschiedenen Reaktionen im Körper verbunden. Jedoch das wirkliche Geschehen im aktuellen Bewusstsein wirkt völlig losgelöst oberhalb aller Materie. Es findet sozusagen in einem unstofflichen Raum statt, auch wenn es mit der stofflichen Erscheinung des Körpers der Persönlichkeit gekoppelt ist und von den biophysikalischen Prozessen in den Sinnesorganen abhängt.

Bevor wir uns wieder ganz konkret den Wahrnehmungsmechanismen widmen, halten wir verschiedene Erkenntnisse von eben noch einmal fest, prägen sie in unser Gedächtnis ein, so weit das möglich ist:

  • Das Bewusstsein ist eine fundamentale Kraft hinter allem Erfassen, Sehen, Hören, Schmecken, Riechen, Tasten, Fühlen, Erahnen, Denken, Bewerten, Urteilen und Erinnern; das Erfassen und Speichern geschieht im Wesen ohne ein absichtliches, konkretes Zutun der Persönlichkeit.
  • Bewusstsein ist kein Besitz, keine Eigenschaft oder Ausströmung der Materie. Es ist zwar eine konkrete Begleiterscheinung des materiellen Daseins, aber dieses besitzt es nicht.
  • Das Bewusstsein ist ursächlich in allen materiellen Erscheinungen und im gesamten Wesen aller lebenden Körper implizit existent.
  • Ohne Bewusstsein gibt es keinerlei Sein. Höchstens ein Existieren, ein Vegetieren. Wenn man die Art und Wirkungsweise des bewussten Erfassens beschreiben will, kann man sagen:
    die Person nimmt etwas Unstoffliches auf, z.B. den Sinn eines Satzes, die musikalische oder emotionale Bedeutung eines Musikstückes, die Zärtlichkeit der Geliebten, die Schönheit
    einer Landschaft etc.
  • Das Denkvermögen im Bewusstsein übergibt das Wahrgenommene an einen Speicher der Erinnerungen, an das Gedächtnis. Dort wird das Neu-bewusste mit den voran gegangenen Sinninhalten abgeglichen und verknüpft und das Erkennen spiegelt die Quintessenz dessen, also den bewertenden Sinn in das aktuelle Tagesbewusstsein zurück; z.B. die Suppe schmeckt nach Muttern; das habe ich verstanden; der Tisch gefällt mir, er könnte in unsere Einrichtung passen; das Konzert hat mich an meine Freundin erinnert, ich war zu Tränen gerührt usw..
  • Alles das spielt sich auf einer völlig unstofflichen metaphysischen Ebene ab, obgleich für die körperlichen Wesen alle bewusste Erfahrungen über die physiologische Wahrnehmung abgewickelt werden.
  • Man kann die neuronalen Erregungen im Gehirn messen, man weiß um die Zellaktivitäten der Sinnesorgane bei der Wahrnehmung. Aber all das transportierte Sinnenhafte bleibt dabei völlig außen vor. Es kann von den materiell eingesetzten Apparaten nicht wirklich dargestellt werden, und es bleibt immer nur ein Abbild von etwas Unstofflichem.

1.0 Zusammenfassung:

Wer sich ernsthaft mit der Wahrnehmungslehre befassen will, gerät automatisch in das Grenzgebiet zwischen den Wissenschaften Physiologie und Psychologie. Die Geisteswissenschaft der esoterischen Autoren würde helfen, einige unerklärliche Hürden zu überwinden, wenn sie in diesem Kontext akzeptiert werden könnte. (Siehe Anhang)

Die Wahrnehmung ist ein überaus komplexer Prozess, bei dem die Sinnesorgane über das Bewusstsein von den bereits gespeicherten Informationen gesteuert werden. Diese werden also gezielt bewusst oder unbewusst beeinflusst. In jedem Falle sind äußere Faktoren und auch rationale Ebenen beteiligt, aber auch eine Vielzahl psychologischer Aspekte bestimmen das Ergebnis der Reizverarbeitung.
Wie der Mensch sich verhält, hängt zum großen Teil davon ab, erstens, wie er die ihn umgebende Welt mit und durch seine Vorprägungen wahrnehmen kann und darauf interagiert und zweitens, welche Wahrnehmungen (Sensationen) durch gesellschaftliche Vorgaben tabuisiert sind und darum verdrängt werden müssen. Also alle Lebensreaktionen des Menschen – ob positiv aktiv oder negativ passiv – auf seine soziale, humane, technische und natürliche Umwelt sind eingebettet in ein vieldimensionales Feld von Wahrnehmungen, die er selbst bewusst oder unbewusst selektiert und damit gleichzeitig durch eine vorgeprägte Organisation seiner Sinnesorgane und seiner gespeicherten Erfahrungen und sozialen Vorschriften determiniert. Viele dieser Faktoren liegen dabei in der Prägung seines Wesens, also im Charakter, in der Rasse und in seinem sozialen Umfeld, sowie in seiner aktuellen physiologischen und psychologischen Konstitution bzw. Absichtseinstellung.

Karl Marx erklärt: «Die Umwelt prägt den Menschen». Dabei ist einerseits von grundlegender Bedeutung, mit welcher inneren Aktualität und Affinität der Mensch seine Umwelt wahrnehmen kann. Andererseits sollte auch geklärt sein, was hier als die Umwelt des Menschen definiert wird. Nur das materielle Daseinsgebiet oder auch die unstofflichen Felder der okkulten Lebensbereiche, die unbewusst das Dasein bestimmen.


Nächstes Kapitel: Kapitel 2.0 Allgemeine Wahrnehmungskriterien

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