{"id":5154,"date":"2014-06-14T07:23:21","date_gmt":"2014-06-14T05:23:21","guid":{"rendered":"http:\/\/www.artokora.de\/?p=5154"},"modified":"2016-06-25T11:16:21","modified_gmt":"2016-06-25T09:16:21","slug":"genie-und-kultur-nachahmung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.artokora.de\/?p=5154","title":{"rendered":"Genie und Kultur \u2013 Nachahmung"},"content":{"rendered":"<hr \/>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h5>Zitat aus: Der Gang der Weltgeschichte \u2013 Aufstieg und Verfall der Kulturen.<\/h5>\n<p><strong>von Arnold J. Toynbee.<\/strong><br \/>\n<strong><em>Der Mystiker, das Genie, m\u00f6chte in der ganzen Menschheit das Unm\u00f6gliche m\u00f6glich machen, jenes erschaffende Etwas, das er in seiner mystischen Schau erlebt hat, in eine sch\u00f6pferische Kraft verwandeln oder das in Bewegung verwandeln, was der Intuition nach ein Innehalten ist.<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Dieser Widerspruch ist die Crux der dynamischen Beziehung, die sich zwischen Menschen auf Grund des Erscheinens von mystisch inspirierten Pers\u00f6nlichkeiten ergibt. Die sch\u00f6pferische Pers\u00f6nlichkeit dr\u00e4ngt dazu, ihre Mitmenschen in Mitsch\u00f6pfer durch deren Wiedergeburt nach ihrem eignen Bilde umzuformen. Diese sch\u00f6pferische Umwandlung, die sich im Mikrokosmos des Mystikers einstellt, fordert eine Anpassung an den Makrokosmos, bevor sie sich vollenden kann oder gesichert ist. Aber <em>ex hypothesis<\/em> ist der Makrokosmos der umgewandelten Pers\u00f6nlichkeit auch der Makrokosmos ihrer nicht umgewandelten Mitmenschen, und ihre Bem\u00fchung, den Makrokosmos im Einklang mit der Ver\u00e4nderung ihrer selbst umzuformen trifft auf den Widerstand von deren Tr\u00e4gheit, die dazu neigt, den Makrokosmos in Harmonie mit ihrem unge\u00e4nderten Selbst zu nehmen, n\u00e4mlich so wie er gerade ist.<\/p>\n<hr \/>\n<p style=\"padding-left: 60px;\"><em>Sollte Dir ein Gedanke zu dem Text einfallen, dann schicke ihn bitte mir zu.\u00a0 <a href=\"http:\/\/www.artokora.de\/?page_id=74\"><span style=\"color: #ff0000;\">Vielen Dank.<\/span><\/a><\/em><\/p>\n<hr \/>\n<p>Diese soziale Situation ergibt ein Dilemma. Wenn das sch\u00f6pferische Genie es nicht fertig bringt, seinem Milieu die \u00c4nderung zu bringen, die es in sich erreicht hat, wird ihm seine Sch\u00f6pferkraft verh\u00e4ngnisvoll. Es hat sich selbst zu seinem Handlungsfeld in ein Missverh\u00e4ltnis gebracht: und mit dem Verlust der Handlungsf\u00e4higkeit verliert es den Willen zum Leben \u2013 auch wenn seine fr\u00fcheren Genossen es nicht zu Tode hetzen, wie anormale Glieder eine animalischen Schwarmes. Wenn andererseits unser Genie mit Erfolg die Tr\u00e4gheit oder aktive Feindschaft seiner fr\u00fcheren Genossen \u00fcberwindet und im Triumph sein soziales Milieu in eine neue Ordnung in Harmonie mit seinem gewandelten Selbst umformt, macht es dadurch das Leben f\u00fcr M\u00e4nner und Frauen, die aus gemeinem Ton gemacht sind, unertr\u00e4glich, au\u00dfer sie k\u00f6nnen mit Erfolg ihr eigenes Selbst wiederum dem neuen sozialen Milieu anpassen, das der herrische Wille des triumphierenden Genies ihnen auferlegt hat. Dasist die Bedeutung der Jesus in den Evangelien zugeschriebenen Worte: <em>\u00bbGlaubt nicht, ich sei gekommen, Friede auf die Erde zu bringen. <\/em><em>Ich bin nicht <\/em><em>gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert. lch bin gekommen, den Sohn mit seinem Vater zu entzweien, die Tochter mit ihrer Mutter, die Schwiegertochter mit ihrer Schwiegermutter. Ja, des Menschen Feinde sind seine eigenen Hausgenossen.&#8220;<\/em><\/p>\n<p>Wie l\u00e4sst sich das soziale Gleichgewicht wiederherstellen, wenn der aufwu\u0308hlende Vorsto\u00df des Genies es einmal zu Fall gebracht hat? Die einfachste L\u00f6sung wu\u0308rde die sein, dass einf\u00f6rmige Vorst\u00f6\u00dfe &#8211; einf\u00f6rmig in gleicher Weise in St\u00e4rke und Richtung &#8211; von allen und jeden Gliedern des Gesellschaftsk\u00f6rpers unabh\u00e4ngig gemacht werden. In solch einem Falle wu\u0308rde es Wachstum ohne eine Spur von Spannung oder Reibung geben. Aber es muss kaum gesagt werden, dass sich solche hundertprozentige Antworten auf den Ruf des sch\u00f6pferischen Genies in Wirklichkeit nicht ereignen. Die Geschichte ist ohne Zweifel voll von Beispielen fu\u0308r die Tatsache, dass, wenn eine \u2013 religi\u00f6se oder wissenschaftliche \u2013 Idee, wie wir sagen, \u00bbin der Luft\u00ab liegt, sie imGeist von verschiedenen inspirierten Personen unabh\u00e4ngig und fast gleichzeitigGestalt annimmt.<\/p>\n<p>Aber auch in den schlagendsten solcher F\u00e4lle stehen die Mehrzahl von unabh\u00e4ngig und gleichzeitig erleuchteten Geistern als einzelne Figuren gegen Tausende oder Millionen einfachen Menschen, die ohne Antwort auf den Ruf sind. Die Wahrheit scheint zu sein, dass der wahren Einigkeit und Individualit\u00e4t eines Sch\u00f6pfungsaktes sich selten mehr als in einem geringfu\u0308gigen Ausma\u00dfe die Tendenz zur Einheitlichkeit auswirkt, was der Tatsache entspringt, dass jedes Individuum potentiell sch\u00f6pferisch istund dass alle diese Individuen in derselben Atmosph\u00e4re beharren, so dass der Sch\u00f6pfer, wenn er ersteht, sich stets u\u0308berw\u00e4ltigend u\u0308berstimmt findet durch die tr\u00e4ge, unsch\u00f6pferische Masse, auch wenn er das gu\u0308nstige Geschick hat, sich in der Gesellschaft von einigen wenigen verwandten Geistern umgeben zu erfreuen.<\/p>\n<p>Alle Akte sozialer Sch\u00f6pfung sind das Werk individueller Sch\u00f6pfer oder meist sch\u00f6pferischer Minderheiten,und bei jedem sukzessiven Vorr\u00fccken bleibt die gro\u00dfe Mehrheit der Mitglieder des Gesellschaftsk\u00f6rpers zur\u00fcck. Wenn wir auf die gro\u00dfen religi\u00f6sen Organisationen der Welt von heute einen Blick werfen, auf die christlichen, islamitischen und hinduistischen, finden wir, dass die gro\u00dfe Masse ihrer nominellen Anh\u00e4nger, wie exaltiert immer die Glaubensbekenntnisse, denen sie Lippendienst leisten, sein m\u00f6gen, noch in einer geistigen Luft leben, die \u2013 was die Religion betrifft \u2013 nicht weit vom simpelsten Heidentum entfernt ist. Es steht genau so mit den ju\u0308ngsten Leistungen unserer materiellen Kultur. Unsere abendl\u00e4ndische wissenschaftliche Erkenntnis und unsere Technik, sie zur Geltung zu bringen, sind gef\u00e4hrlich esoterisch. Die gro\u00dfen neuen sozialen Kr\u00e4fte der Demokratie und des Industrialismus sind von einer du\u0308nnen sch\u00f6pferischen Minderheit hervorgerufen worden, und die gro\u00dfe Masse der Menschheit bleibt noch substantiell auf dem selben intellektuellen und moralischen Stand, auf dem sie sich befand, bevor die titanischen neuen sozialen Kr\u00e4fte aufzutauchen begannen. Tats\u00e4chlich besteht der Hauptgrund, warum dieses sogenannte <strong>Salz der Erde<\/strong> heute in Gefahr ist, seinen Geschmack zu verlieren, darin, dass die gro\u00dfe Masse des abendl\u00e4ndischen Sozialk\u00f6rpers <strong>ungesalzen<\/strong> geblieben ist.<\/p>\n<p>Die Tatsache, dass das Wachstum der Kulturen das Werk von sch\u00f6pferischen Individuen oder sch\u00f6pferischen Minderheiten ist, schlie\u00dft ein, dass die unsch\u00f6pferische Mehrheit zuru\u0308ckbleibt, wenn die Pioniere nicht wirksame Mittel ersinnen, diesen tr\u00e4gen Tross auf ihrem heftigen Vorsto\u00df mit sich zu rei\u00dfen. \u2026, dass primitive Gesellschaftsk\u00f6rper, wie wir sie kennen, sich in einem statischen Zustand befinden, wohingegen die Kulturen \u2013 anders die gehemmten Kulturen \u2013 in einer dynamischen Bewegung begriffen sind. Wachsende Kulturen unterscheiden sich von primitiven statischen Gesellschaftsk\u00f6rpern kraft der dynamischen Bewegung sch\u00f6pferischer individueller Pers\u00f6nlichkeiten in ihren Sozialk\u00f6rpern, und diese sch\u00f6pferischen Pers\u00f6nlichkeiten bilden selbst zu Zeiten ihrer gr\u00f6\u00dften numerischen St\u00e4rke niemals mehr als eine kleine Minderheit. In jeder wachsenden Kultur befindet sich die gro\u00dfe Mehrheit der einbezogenen Individuen in derselben stagnierenden ruhigen Verfassung wie die Mitglieder eines statischen primitiven Gesellschaftsk\u00f6rpers. Mehr noch sind die gro\u00dfe Mehrheit der Teilnehmer in einer wachsenden Kultur \u2013 abgesehen von einer \u00e4u\u00dferlichen Erziehungstu\u0308nche \u2013 Menschen von den gleichen egoistischen Leidenschaften wie die primitive Menschheit. Hier finden wir das Korn Wahrheit der Redensart, dass sich die menschliche Natur niemals \u00e4ndert. <strong>Die h\u00f6heren Pers\u00f6nlichkeiten, Genies, Mystiker oder \u00dcbermenschen &#8211; man nenne sie, wie man will &#8211; sind nicht mehr als etwas Sauerteig in dem Klumpen der gew\u00f6hnlichen Menschheit.<\/strong><\/p>\n<p>Diese dynamischen Pers\u00f6nlichkeiten, die mit Erfolg die Tradition mit den kristallisierten Wertvorstellungen in ihrem eigenen Charakter brechen und zu lebendigen Innovationen umformen k\u00f6nnen, dann auch in Wirklichkeit imstande sind, ihren individuellen Sieg zu konsolidieren und ihn vor der Verkehrung in eine soziale Niederlage zu bewahren, in dem sie daran gehen, in ihrem sozialen Milieu die kristallisierten Traditionen der Alten zu brechen. Dieses Problem zu l\u00f6sen, erfordert eine doppelte Anstrengung: <em>\u00bbdas Mu\u0308hen einiger Menschen, Neues zu finden, und das Mu\u0308hen aller andern Menschen, es anzunehmen und sich ihm anzubequemen. Eine Gesellschaft kann zivilisiert genannt <\/em>werden, <em>sobald man dort zugleich diese Initiativen und diese Gelehrigkeit findet. Die zweite Bedingung ist u\u0308brigens schwieriger zu erfu\u0308llen als die erste<\/em><em>. <\/em><em>Was den Nicht-Zivilisierten gefehlt hat, ist wahrscheinlich d<\/em><em>er <\/em><em>\u00fcberragende Mensch (man sieht nicht ein, <\/em><em>. <\/em><em>wieso die Natur nicht immer und u\u0308berall diese glu\u0308cklichen Einf\u00e4lle gehabt haben soll), sondern vielmehr <\/em><em>die<\/em> <em>Ge<\/em><em>legenheit f\u00fcr solch einen <\/em><em>M<\/em><em>enschen, <\/em><em>seine \u00dcberlegenheit zu zeigen, das hei\u00dft die Geneigtheit der andern, ihm zu folgen<\/em><em>.\u00ab<\/em><\/p>\n<p>Das Problem der Sicherung dessen, dass die unsch\u00f6pferische Mehrheit tats\u00e4chlich der Fu\u0308hrung der sch\u00f6pferischen Minderheit folgt, scheint zwei L\u00f6sungen zu haben, eine praktische und eine ideale. <em>&#8222;Der eine Weg ist die Dressur,<\/em><em> das andre ist die mystische Liebe. Nach der ersten <\/em><em>Methode pr\u00e4gt man eine aus unpers\u00f6nlichen Gewohnheiten bestehende Moral ein; nach der zweiten erreicht man die Nachfolge einer Person und <\/em><em>sogar <\/em><em>eine seelische <\/em><em>Vereinigung, ein mehr oder weniger vollst\u00e4ndiges Einswerden<\/em><em>mit ihr.<\/em><em>\u00ab <\/em>Die unmittelbare Entzu\u0308ndung sch\u00f6pferischer Kraft von Seele zu Seele ist ohne Zweifel der ideale Weg, aber ausschlie\u00dflich auf ihn zu bauen, hie\u00dfe auf Vollkommenheit vertrauen. Das Problem, die unsch\u00f6pferische gro\u00dfe Masse auf eine Linie mit den sch\u00f6pferischen Pionieren zu bringen, kann in der Praxis nicht auf der sozialen Ebene gel\u00f6stwerden, ohne die F\u00e4higkeit zu reiner Nachahmung, Mimesis, ins Spiel zu bringen \u2013 eine der weniger erhabenen F\u00e4higkeiten der Menschennatur, die in sich mehrvom Drill als von Inspiration lebt.<\/p>\n<p>Nachahmung ins Spiel zu bringen ist unerl\u00e4sslich in Bezug auf den vorschwebenden Zweck, weil Nachahmung jedenfalls eine der gew\u00f6hnlichen F\u00e4higkeiten des primitiven Menschen ist. Nachahmung ist einer der Gattungszu\u0308ge im Sozialleben in primitiven Gesellschaftsk\u00f6rpern wie in Kulturen, aber sie wird in diesen bei den beiden Arten der Gesellschaftsk\u00f6rper auf verschiedene Weise vollzogen.\u00a0 In statischen primitiven GeseIIschaftsk\u00f6rpern wird die Nachahmung auf die \u00e4ltere Generation der lebenden Mitglieder gerichtet und auf die Toten, in denen \u00bbTradition und Moral\u00ab verk\u00f6rpert ist, wohingegen in Gesellschaftsk\u00f6rpern im dynamischen Kulturprozess dieselbe F\u00e4higkeit auf die sch\u00f6pferischen Pers\u00f6nlichkeiten gerichtet wird, die Neuland gepflu\u0308gt haben. Die F\u00e4higkeit ist dieselbe, aber sie wendet sich in die entgegen gesetzte Richtung.<\/p>\n<p>Kann diese revidierte Version eines primitiven sozialen Drills, dieser mechanische und fast automatische \u00bbRechts- oder Linksdrall\u00ab, wirklich als ein wirksamer Ersatz dienen fu\u0308r <em>\u00bbernste geistige Gemeinschaft und intimen pers\u00f6nlichen Verkehr\u00ab<\/em>, was Plato als das einzige Mittel der Weitergabe einer Philosophie von dem einen Individuum zum anderen ansprach? Man kann nur antworten, dass die Tr\u00e4gheit der Menschheit in ihrer Masse tats\u00e4chlich niemals durch den ausschlie\u00dflichen Gebrauch der platonischen Methode u\u0308berwunden worden ist. Die Aufgabe, die tr\u00e4ge Mehrheit entlang den Weg der aktiven Minderheit zu ziehen, hat die ideale Methode unmittelbarer individueller Erleuchtung immer durch die praktische Methode des sozialen Drills im gro\u00dfen verst\u00e4rkt werden m\u00fcssen, also durch eine gewohnheitsm\u00e4\u00dfige \u00dcbung der primitiven Menschheit, die dem sozialen Fortschritt dienstbar gemacht werden kann, wenn neue F\u00fchrer das Kommando \u00fcbernehmen und neue Marschbefehle ausgeben.<\/p>\n<p>Nachahmung, Mimesis, kann zur Erwerbung von sozialen Aktivposten f\u00fchren \u2013 Verhaltungsweisen oder Emotionen oder Vorstellungen \u2013 die die Erwerber allein nicht hervorgebracht hatten und die sie niemals besessen haben w\u00fcrden, wenn sie nicht denen, die sie besa\u00dfen, begegnet w\u00e4ren und sie nachgeahmt h\u00e4tten. Es ist in der Tat eine Wegabk\u00fcrzung. Aber diese Wegabk\u00fcrzung, obwohl sie ein unvermeidlicher Weg zu einem notwendigen Ziel sein kann, ein zweifelhaftes Hilfsmittel ist, das nicht weniger unvermeidlich eine wachsende Kultur der Gefahr des Niederbruchs aussetzt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Zitat aus: Der Gang der Weltgeschichte \u2013 Aufstieg und Verfall der Kulturen. von Arnold J. Toynbee. 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