{"id":5151,"date":"2014-06-14T07:02:35","date_gmt":"2014-06-14T05:02:35","guid":{"rendered":"http:\/\/www.artokora.de\/?p=5151"},"modified":"2016-06-25T11:16:59","modified_gmt":"2016-06-25T09:16:59","slug":"das-gnostische-system-des-marcion","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.artokora.de\/?p=5151","title":{"rendered":"Das gnostische System des Marcion"},"content":{"rendered":"<h5>EIN VORWORT ZUR KULTURGESCHICHTE \u00c4GYPTENS UND DES ALTEN ORIENTS.<\/h5>\n<p><strong>von Egon Friedell.<\/strong><em><br \/>\n<\/em><\/p>\n<p>Durch den donnernden Flutgang der Jahrtausende t\u00f6nt eine Stimme, tr\u00f6stend und warnend: des Menschen Reich ist nicht von dieser Welt. Aber daneben erklingt eine brausende Gegenstimme: diese Erde voll Glanz und Finsternis geh\u00f6rt Dir, dem Menschen; sie ist Dein Werk und Du das ihrige: ihr kannst Du nicht entfliehen. Und Du du\u0308rftest es auch gar nicht, selbst wenn Du es k\u00f6nntest! Wie sie geschaffen ist, furchtbar und wunderbar: Du musst ihr die Treue halten. Diese unaufgel\u00f6ste Dissonanz bildet das Thema der Weltgeschichte. Man sollte nun meinen, ja man mu\u0308sste geradezu fordern, dass jeglicher Geschichtsbetrachtung die Deutung dieses r\u00e4tselhaften Widerstreits voraufzugehen habe. Denn sonst ist alle Historie ein verschleierter Schlu\u0308sselroman. Ehe wir dies nicht erkl\u00e4rt haben, k\u00f6nnen wir ja gar nicht anfangen. Aber wir k\u00f6nnen es nicht erkl\u00e4ren! Hier sich Klarheit oder gar ein Wissen eint\u00e4uschen zu wollen, w\u00e4re eine Art feinerer Atheismus. In diesem Dilemma besteht das Wesen der Geschichtsphilosophie. Jeder Mensch, ob er sich dessen deutlich bewusst ist oder nicht, ringt unaufh\u00f6rlich mit dieser dunkeln Frage. Sie ist die Wurzel und Krone aller Religion, ja: sie zu stellen, ist bereits Religion.<\/p>\n<hr \/>\n<p style=\"padding-left: 60px;\"><em>Sollte Dir ein Gedanke zu dem Text einfallen, dann schicke ihn bitte mir zu.\u00a0 <a href=\"http:\/\/www.artokora.de\/?page_id=74\"><span style=\"color: #ff0000;\">Vielen Dank.<\/span><\/a><\/em><\/p>\n<hr \/>\n<p>Sie verwandelt unsere farbenm\u00e4chtigsten Ku\u0308nste und unsere fruchtbarsten Wissenschaften in grauen Dunst. Sie erfu\u0308llt unseren oberfl\u00e4chlichsten Alltag mit Tiefgang und nimmt unseren wuchtigsten Tatendas Schwergewicht. Aber nur ein einziges mal im Gange des uns bekannten Weltgeschehens ist der Versuch gemacht worden, sie ganz zu Ende zu denken und dadurch zu l\u00f6sen; und dieser ist misslungen. Er ist misslungen; aber trotzdem verdient er unsere ernste und nachdenkliche Betrachtung. Der griechische Kunstschriftsteller Pausanias, der zur Zeit der antoninischen Kaiser seine &#8222;Rundreise&#8220;, eine Art Cicerone durch die hellenischen Sehenswu\u0308rdigkeiten, verfasste, berichtet in \u00dcbereinstimmung mit anderen Autoren, dass es in Griechenland von alters her Alt\u00e4re gegeben habe, die &#8222;dem sogenannten unbekannten Gotte&#8220; geweiht waren, darunter einen neben der Bilds\u00e4ule des Zeus von Olympia, dem weltberu\u0308hmten Goldelfenbeinwerk des Phidias. Und der Kompilator Diogenes Laertius, der etwa ein halbes Jahrhundert sp\u00e4ter gelebt haben du\u0308rfte, erz\u00e4hlt in seinem Buch u\u0308ber &#8222;Leben, Lehren und Ausspru\u0308che der beru\u0308hmten Denker&#8220;, einem mehr belletristischen als philosophischen, aber in den Angaben sehr zuverl\u00e4ssigen Werk, dass sogar &#8222;anonyme Alt\u00e4re&#8220; vorhanden waren, die u\u0308berhaupt keine Aufschrift trugen. Man versichert uns zwar, dies seien blo\u00dfe \u00c4u\u00dferungen einer <em>religio eventualis <\/em>gewesen, einer Religion fu\u0308r alle F\u00e4lle, die besorgte, man m\u00f6ge vielleicht einen Gott u\u0308bersehen haben, der in Vergessenheit geraten oder nur im Ausland bekannt geworden sei, auch habe es auf jenen Altaraufschriften nur ganz allgemein gehei\u00dfen : &#8222;Den unbekannten G\u00f6ttern&#8220;, und die Berichterstatter h\u00e4tten sich blo\u00df verlesen, aus den anonymen Opfersteinen aber spreche die Verehrung einer Art von namenlosen &#8222;Gattungsg\u00f6ttern&#8220; ; indes, alle diese sp\u00e4ten Kalku\u0308le einer engbru\u0308stigen Philologenspitzfindigkeit tragen, so &#8222;belegt&#8220; sie sein m\u00f6gen, den Stempel superkluger Unglaubwu\u0308rdigkeit. Viel natu\u0308rlicher und menschlicher, gr\u00f6\u00dfer und einfacher w\u00e4re es, anzunehmen, schon in den Alten habe ein dunkles Gefu\u0308hl dafu\u0308r gelebt, dass der ganze Kreis der Olympischen und selbst der zur &#8222;reinen Vernunft&#8220; gel\u00e4uterte Zeus nicht das Wesen der Gottheit umspanne, dass vielmehr einer noch fehle, der sich noch nicht geoffenbart habe und daher unbekannt sei; und zugleich namenlos, da er u\u0308ber allen Namen sei. An ein solches Heiligtum, das in Athen dem unbekannten Gotte geweiht war, knu\u0308pft die Predigt an, die der heilige Paulus auf dem Areopag hielt. Er sagte: &#8222;Ihr M\u00e4nner von Athen! Ich verku\u0308ndige euch eben diesen Gott, den ihr bisher, ohne um ihn zu wissen, verehrt habt. Denn er ist ja nicht fern von einem jeglichen unter uns: in ihm leben, weben und sind wir.&#8220;<\/p>\n<p>Jenes &#8222;Wissen um Gott&#8220; war auch das Ziel der gnostischen Bewegung, deren Blu\u0308tezeit in die erste H\u00e4lfte des zweiten nachchristlichen Jahrhunderts f\u00e4llt. Gnosis ist Eingeweihtsein in die Mysterien des Himmels und der Erde, der Natur und der Geschichte, aber nicht durch Spekulation oder Empirie, sondern durch Offenbarung; sie ist <em>mathesis, <\/em>h\u00f6here Erkenntnis, <em>gnosis soterias, <\/em>Wissen des heiligen Weges. Sie ist das &#8222;Licht&#8220;, ein erleuchtetes Schauen, eine innere Erfahrung, man k\u00f6nnte auch sagen: Erfassen durch Intuition, wenn dieser Begriff durch seine heutige Anwendung auf das Schaffen des Ku\u0308nstlers und Forschers nicht schon zu sehr rationalisiert w\u00e4re. Diese h\u00f6chst suggestive Geheimlehre, bilderwu\u0308tig und orakelsu\u0308chtig, verwirrt durch mystifizierenden Formelspuk, barbarische Kultsymbole, abenteuerliche Allegorik, nebulose Weltentstehungslehren, schwankte zwischen Heidenchristentum und neuplatonischer Philosophie, sublimem Spiritualismus und massivem Zauberglauben, Ekstase und Begriffsspalterei unentschlossen hin und her und war auch in der Lebenspraxis halb Askese, halb Libertinismus, da beides sich als eine Konsequenz aus der grunds\u00e4tzlichen Verachtung der Sinnenwelt rechtfertigen lie\u00df. Denn das Herzstu\u0308ck aller Gnosis ist das Wissen des Geistes um seine Befreiung vom Erdenrest, die Erinnerung der Seele an ihren g\u00f6ttlichen Ursprung.<\/p>\n<p>Die vier Grundkr\u00e4fte, die im Kosmos walten, sind die Materie, die Seele, der Logos und der Geist. Nach ihnen ordnet sich die Hierarchie der Wesen: zu unterst stehen die Gesteine, die blo\u00df Materie sind; auf sie folgen die Pflanzen, die eine Ern\u00e4hrungsseele, und die Tiere, die eine Sinnenseele besitzen; u\u0308ber sie erhebt sich der Mensch, begabt mit der Kraft des Logos, der Vernunft, und bef\u00e4higt zum Geist zu gelangen, dessen Stufen durch eine immer h\u00f6her steigende Schar immaterieller Potenzen repr\u00e4sentiert werden und vor dem Throne Gottes endigen. Auf dieser Leiter entspricht die Seele etwa dem Nervenleben, der Logos den rationalen F\u00e4higkeiten, der Geist aber, das Pneuma, einem Verm\u00f6gen, das nicht von dieser Welt ist. Dementsprechend gliedert sich auch die Rangordnung der Menschen in die Sarkiker, die blo\u00df dem Fleisch leben, die Psychiker und die Pneumatiker. Reiner Geist und Gott sind dasselbe; aber, sagt der beru\u0308hmte Basilides, der Hauptvertreter der sogenannten \u00e4gyptischen Gnosis, alles Positive und alles Negative, das man von Gott aussagen k\u00f6nnte, h\u00e4tte nur den Wert eines Zeichens.<\/p>\n<p>Dem u\u0308ber alles Denken erhabenen g\u00f6ttlichen Urwesen, dem &#8222;Unaussprechbaren, Unnennbaren, mit Schweigen Angerufenen&#8220; v\u00f6llig entgegengesetzt ist die Materie, der Grund alles B\u00f6sen, aber zugleich das Nichtseiende. Sie ist das Werk des Bildners oder Demiurgen, eines von der Gottheit geduldeten untergeordneten Geistes, eines b\u00f6sen, aber reuigen Wesens. Die Welt ist also eine Art Gegensch\u00f6pfung und zugleich eine Scheinsch\u00f6pfung. Dies erkannt zu haben, ist identisch mit der Ru\u0308ckkehr zu Gott. Dieses Wissen bereits erl\u00f6st; aber nur dieses Wissen. <strong>Ohne Gnosis ist der Mensch verdammt.<\/strong> Die Gottheit, ungeworden, unsichtbar, unfassbar, wie sie ist, war auch dem Demiurgen unbekannt; aber sie hat sich Christus offenbart und durch ihn allen, die der Gnade der Gnosis teilhaftig geworden sind. Nach der Auffassung des syrischen Gnostikers Saturnilus ist der Weltsch\u00f6pfer einer der Engel <em>Gottes; <\/em>aber, fu\u0308gt Valentinus hinzu, der Stifter einer der angesehensten gnostischen Sekten, der Mensch ist mehr als die Engel, die ihn schufen. Zwar herrscht auch im Reich der Seele der Demiurg: sie ist, wie Valentinus es sehr anschaulich ausdru\u0308ckt, eine schmutzige Kneipe, in der die D\u00e4monen aus- und eingehen.<\/p>\n<p><strong>\u00a0Aber der Mensch tr\u00e4gt in sich einen Funken des g\u00f6ttlichen Lichts, er ist &#8222;gro\u00df und elend&#8220;.<\/strong> Es ist dieselbe Formel, zu der anderthalb Jahrtausende sp\u00e4ter der gr\u00f6\u00dfte Christ der gallischen Rasse, Blaise Pascal, gelangte: <em>&#8222;Alles Elend des Menschen erweist seine Gr\u00f6\u00dfe. Es ist das Elend eines gro\u00dfen Herrn, das Elend eines entthronten K\u00f6nigs.&#8220;<\/em> Indes hat es die ganze gnostische Bewegung nirgends zu mehr gebracht als zu verstreuten unterirdischen Gedankenkeimen, halben Ahnungen und widerstreitenden Apercus. Zu Licht und Frucht sind sie erst im Geiste Marcions gelangt, eines religi\u00f6sen Genies von gro\u00dfartiger Einfachheit, profunder Fr\u00f6mmigkeit und rasanter Denksch\u00e4rfe, der aber seit vielen Jahrhunderten fu\u0308r die Nachwelt kaum einen Namen bedeutet. Marcion ist fu\u0308r das religi\u00f6se Bewusstsein der Gegenwart verschollen. Fu\u0308r die meisten Historiker der christlichen Kirche ist er &#8222;ein Gnostiker&#8220;. Er war aber weder dieses, vielmehr ein abgesagter Gegner der gnostischen Sekten: ihres bunt gewu\u0308rfelten Synkretismus, ihrer geheimniskr\u00e4merischen Esoterik, ihrer gewaltt\u00e4tigen allegorischen Methoden, noch war er u\u0308berhaupt einer unter anderen, sondern eine einmalige Erscheinung von unwiederholbarer Pr\u00e4gnanz, die hart bis an die Grenze der Bizarrerie und Monomanie streift. Alle Mysterienweisheit, ja alle Philosophie gilt ihm als &#8222;leerer Betrug&#8220;, und er verh\u00e4lt sich zu den Gnostikern \u00e4hnlich wie Sokrates zu den Sophisten, dem ja auch das paradoxe Schicksal widerfuhr, dass er von seinen Zeitgenossen gerade jener Schule zugerechnet wurde, die er sein Leben lang aufs heftigste bek\u00e4mpfte. Er war, um es mit einem Worte zu sagen, der gr\u00f6\u00dfte Ketzer, der jemals aus dem Christentum hervorgegangen ist. Adolf von Harnack erkl\u00e4rt, keine zweite religi\u00f6se Pers\u00f6nlichkeit nach Paulus und vor Augustin k\u00f6nne an Bedeutung mit Marcion rivalisieren, und in der Tat bezeichnen diese drei die gewichtigsten Marksteine in der Entwicklung der katholischen Kirche: der gr\u00f6\u00dfte Apostel, der gr\u00f6\u00dfte Kirchenvater und der gr\u00f6\u00dfte H\u00e4retiker. Bei Polykarp hei\u00dft er der Erstgeborene des Satans, bei Tertullian <em>&#8222;antichristus Marcion&#8220;, <\/em>Origenes hingegen ru\u0308hmt ihm feurigen Geist und g\u00f6ttliche Gaben nach, ohne die er eine solche H\u00e4resie nie h\u00e4tte stiften k\u00f6nnen, und Clemens Alexandrinus nennt ihn einen Giganten und Theomachen.<\/p>\n<p>Er wurde um das Jahr 85 in Sinope am Pontus geboren, als Sohn des dortigen Bischofs, der ihn wegen der Irrlehren, mit denen er schon fru\u0308h hervortrat, selbst exkommunizierte: ein Geist von diesem diamantenen Ernst und Diogenes, der Buffo der griechischen Philosophie, in dem diese wie in einem Satyrspiel sich selbst den Epilog spricht, waren S\u00f6hne derselben Stadt. Marcion begab sich zun\u00e4chst nach Kleinasien, wo seine Doktrin zuru\u0308ckgewiesen wurde; dasselbe widerfuhr ihm in Rom: die dortige Gemeinde verdammte seine Thesen und schloss ihn aus. Damals war Marcion schon fast sechzig Jahre alt; der Tag seines Bruchs mit Rom wurde von der marcionitischen Kirche als Stiftungsfest gefeiert, \u00e4hnlich wie der Wittenberger Thesenanschlag von der lutherischen; er fiel in den Juli des Jahres 144. Ort und Zeit seines Todes sind unbekannt.<\/p>\n<p>Die Marcioniten waren nicht etwa eine Sekte wie die Montanisten, die Basilidianer, die Valentinianer und zahlreiche andere, sondern eine m\u00e4chtige Gegenkirche, die im zweiten Jahrhundert mit der werdenden katholischen Kirche um die Vorherrschaft rang. Sie verehrten Marcion als ihren Stifter: sein Hauptwerk, die &#8222;Antithesen&#8220;, stand in ihrem Kanon, galt also als eine Art heilige Schrift; sie sahen im Himmel zur Rechten des thronenden Heilands Paulus sitzen, zur Linken Marcion. Er selbst aber hat sich niemals fu\u0308r etwas anderes gehalten als fu\u0308r einen getreuen Verku\u0308nder des Evangeliums und den wahren oder vielleicht auch einzigen Schu\u0308ler des Paulus. Sein Zeitgenosse Justinus bezeugt bereits: &#8222;Sein Evangelium erstreckt sich u\u0308ber das ganze Menschengeschlecht&#8220;, und etwa ein halbes Jahrhundert sp\u00e4ter versichert Tertullian: &#8222;Marcions h\u00e4retische Tradition hat die ganze Welt erfu\u0308llt.&#8220; Kompakte Marcionitengemeinden fanden sich um jene Zeit in ganz Kleinasien und Syrien, auf Kreta und Zypern, in den Weltst\u00e4dten Rom und Alexandria; ihr Ausbreitungsradius reichte von Persien bis Lyon. Noch im vierten Jahrhundert hielt man es in einzelnen asiatischen Gemeinden fu\u0308r notwendig, in das Glaubensbekenntnis einen Passus einzufu\u0308gen, der sich gegen den Marcionitismus richtete; letzte Reste seiner Anh\u00e4nger gab es im Orient noch im zehnten Jahrhundert. August Neander, einer der feinsten Kirchenhistoriker des Vorm\u00e4rz, hat Marcion den ersten Protestanten genannt. Wollte man diese Auffassung gelten lassen, so w\u00e4re der Protestantismus \u00e4lter als der Katholizismus; jedenfalls aber hat es sich um ein gewaltiges Schisma gehandelt, das an Bedeutung hinter der Reformation nicht zuru\u0308cksteht, nur hat es das umgekehrte Schicksal erlitten: es ist von der katholischen Kirche aufgesogen worden und in dieser Form aufbewahrt geblieben. Man kann daher sagen: der Marcionitismus hat sich behauptet, so gut wie der Protestantismus, nur in der Gegenreformation, etwa wie wenn eine Erneuerung der r\u00f6mischen Kirche seinerzeit das Luthertum, hegelianisch gesprochen, &#8222;aufgehoben&#8220;, n\u00e4mlich zugleich negiert und konserviert h\u00e4tte. Der Katholizismus hat vieles, das dadurch anonym weiterlebte, von Marcion u\u0308bernommen, nur gerade den Wurzelgedanken seiner Lehre nicht, der auch in der Tat, wie wir bald sehen werden, fu\u0308r die Kirche unannehmbar war.<\/p>\n<p>Wir k\u00f6nnen uns den Gedankengang, durch den Marcion zu seiner Doktrin gelangte, noch heute ohne jede Mu\u0308he und Gewaltsamkeit nachkonstruieren. Die einzige heilige Schrift, die die Urchristen besa\u00dfen, war das Alte Testament. Indem er nun dessen Bu\u0308cher als frommer Christ las, kam ihm eines Tages die Erleuchtung: Christus ist gar nicht der dort verku\u0308ndete Messias, Christus ist ein ganz anderer! Daher sind die Juden vollkommen im Recht, wenn sie den Messias noch erwarten; Jesus aber, dessen Namen nirgends im Alten Testament erw\u00e4hnt wird, hat das Gesetz nicht erfu\u0308llt, sondern aufgel\u00f6st. Sein ganzes Leben war ein Kampf gegen das Gesetz und seine Lehrer. Er hat mit dem Alten Testament v\u00f6llig gebrochen, das Band zerrissen, sich von Mose in allem geschieden und deutlich davor gewarnt, einen neuen Lappen auf ein altes Kleid zu flicken, neuen Wein in alte Schl\u00e4uche zu gie\u00dfen. Nur durch die allegorische Erkl\u00e4rung gewisser Bibelstellen kann u\u0308berhaupt das Weissagungsprinzip aufrechterhalten werden; im Alten Testament darf aber nichts allegorisch, muss alles w\u00f6rtlich und buchst\u00e4blich ausgelegt werden. Demnach ist Christus nirgends geweissagt, er ist unerwartet und pl\u00f6tzlich erschienen: der Sohn Gottes braucht keine Propheten, die ihn &#8222;bezeugen&#8220;; seine Zeugen sind seine Heilandsworte und seine Wundertaten. Man wird bei dieser Deduktion Marcions an einen Ausspruch Lagardes erinnert, eines der wenigen Menschen des neunzehnten Jahrhunderts, in denen der echt protestantische Geist des Protestierens noch einmal Fleisch geworden ist: <em>&#8222;Es gibt ja noch Leute genug, welche das Verh\u00e4ltnis des Alten und Neuen Testaments als das von Weissagung und Erfu\u0308llung ansehen, w\u00e4hrend in Wirklichkeit nie eine Weissagung erfu\u0308llt ist. Erfu\u0308llt in dem gemeinen Verstand des Worts werden nur Wahrsagungen, und auf Wahrsagungen l\u00e4sst sich eine Religion niemals ein.&#8220;<\/em><\/p>\n<p>Wie aber konnte diese einfache und fast selbstverst\u00e4ndliche Wahrheit den Christgl\u00e4ubigen so lange verborgen bleiben? Dies vermochte sich Marcion nur dadurch zu erkl\u00e4ren, dass sogleich nach der Entru\u0308ckung des Heilands eine ungeheure Verschw\u00f6rung einsetzte und ihr finsteres Werk verrichtete. Dieses bestand in einer systematischen Verf\u00e4lschung der Botschaft, die der Heiland in die Welt gebracht hatte. <strong>Nur ein Christentum, das von allen judaistischen Elementen v\u00f6llig rein ist, kann als wahres Christentum gelten.<\/strong> Die vier Evangelien enthalten aber solche Bestandteile, also sind sie alle vier falsch. Paulus spricht immer nur von einem Evangelium, welches das Evangelium ist: also kann es nicht vier geben; eines aber muss es wiederum geben, folglich ist eines von den vieren blo\u00df verf\u00e4lscht. Die Wahl Marcions fiel auf Lukas, der in der Tat von allen Evangelisten am meisten Heidenchrist ist. Alle zw\u00f6lf Apostel haben den Heiland nicht verstanden; darum musste dieser sich in Paulus einen neuen Apostel erwecken, der die wahre Lehre verku\u0308ndigte. Wie ein einziges Evangelium, so gibt es auch nur einen Apostel; aber auch dessen Briefe enthalten viel Judaistisches. Also sind auch sie falsch oder vielmehr, wie Lukas, verf\u00e4lscht. Von diesen \u00dcberzeugungen ausgehend, unternahm es Marcion, den Christen eine heilige Schrift zu schaffen, bestehend aus dem Evangelium des Lukas und zehn Paulusbriefen, wobei er aber in aller Naivit\u00e4t selbst eine gewaltige F\u00e4lschung beging, indem er durch Ku\u0308rzungen, die zum Teil sehr betr\u00e4chtlich, und Zus\u00e4tze, die allerdings meist nur geringfu\u0308gig waren, einen &#8222;gereinigten&#8220; Text herstellte. Andrerseits ist es aber h\u00f6chst merkwu\u0308rdig, dass er dem Alten Testament, das er v\u00f6llig verwarf, kein derartiges Misstrauen entgegenbrachte; er erachtete es fu\u0308r ein durchaus zuverl\u00e4ssiges Geschichtswerk und hat keine Zeile darin redigiert. Indes durch dieses sonderbare Verfahren, das sich nur aus dem geringen Verantwortungsgefu\u0308hl erkl\u00e4ren l\u00e4sst, das die Antike dem geschriebenen Wort entgegenbrachte, ist Marcion der Sch\u00f6pfer des Neuen Testaments geworden.<\/p>\n<p>Vor Marcion galten die Evangelien weder als heilige Schrift noch befanden sie sich im Besitz s\u00e4mtlicher Gemeinden; und Paulus wurde den Uraposteln keineswegs im Range gleichgestellt, da er nicht den Umgang des Herrn genossen hatte. Noch um 160 verweigerten die &#8222;Aloger&#8220;, die so genannt wurden, weil sie die Gleichung Jesus = Logos nicht billigten, dem Johannesevangelium, das diese Lehre vertritt, ihre Anerkennung; und andrerseits stand das &#8222;\u00c4gypterevangelium&#8220;, dem sp\u00e4ter die Kanonisierung versagt wurde, noch vielfach in Gebrauch. Auch war der Text noch keineswegs in dem Ma\u00dfe fixiert, wie dies beim Alten Testament der Fall war. Hierin bestand die gro\u00dfe theologische Tat Marcions: er setzte Urkunde gegen Urkunde, Schrift gegen Schrift, Evangelium gegen Gesetz, Apostolat gegen Prophetie. Erst durch Marcion ist die werdende katholische Kirche dazu gefu\u0308hrt worden, dasselbe zu tun und ihren eigenen neutestamentlichen Kanon dem marcionitischen gegenu\u0308ber zustellen. Paulus zitiert immer nur aus dem Alten Testament; andere schriftliche Autorit\u00e4ten kennt er nicht. Erst um 200, als Marcion sicher schon tot war, besa\u00dfen die gro\u00dfen Kirchen des Westens ein &#8222;Neues Testament&#8220;: vier Evangelien und dreizehn Paulusbriefe, dazu die Apostelgeschichte, die als Bindeglied eingeschoben wurde, und die Apokalypse Johannis, die aber hundert Jahre sp\u00e4ter von den meisten Griechen wieder aufgegeben wurde. Die syrische Kirche hielt an einem einzigen Evangelium fest, dem &#8222;Diatessaron&#8220;, das Tatian, allerdings einer anderen Methode folgend als Marcion, aus den vier kanonischen Evangelien komponiert hatte. Aber erst im Jahr 367 proklamierte Athanasius den Kanon von siebenundzwanzig Bu\u0308chern, den wir heute besitzen, indem er die sieben &#8222;katholischen&#8220; Briefe (zwei von Petrus, drei von Johannes, je einen von Jakobus und Judas) hinzufu\u0308gte und den lange umstrittenen Hebr\u00e4erbrief dem Paulus zuerkannte. Die Kirche hat, in der Weitherzigkeit ihrer Auswahl viel weniger dogmatisch als der Ketzer Marcion, einen bewunderungswu\u0308rdigen Takt bekundet, indem sie, vor Widerspru\u0308chen der \u00dcberlieferung nicht zuru\u0308ckschreckend, das urchristliche Leben in seiner ganzen Gnade und Fu\u0308lle durch die Zeiten gerettet hat.<\/p>\n<p>Wenn aber Christus nicht der Messias war, was war er? Der Sohn Gottes! Aber welches Gottes? Doch nicht des alttestamentlichen, dessen Gesetz er zerst\u00f6rt hat? Hier erhebt sich das ungeheure Problem, dem Marcion mit der gr\u00f6\u00dften Ku\u0308hnheit ins Auge geblickt hat. Er entschloss sich, nicht nur Altes und Neues Testament, sondern auch den Gott Mosis und den Gott Christi v\u00f6llig voneinander zu trennen. Dieser Scheidung und Gegenu\u0308berstellung diente eben sein Werk &#8222;Antithesen&#8220;, worin in streng zweigliedriger Anordnung die beiden Welten miteinander konfrontiert wurden. So sagt zum Beispiel der Judengott zu Mose beim Auszug aus \u00c4gypten: seid bereit, beschuht, die St\u00e4be in den H\u00e4nden, die S\u00e4cke auf den Schultern, und traget alles Gold und Silber mit euch davon; der Herr aber sprach zu seinen Ju\u0308ngern bei ihrer Aussendung in die Welt: habt keine Schuhe an den Fu\u0308ssen, keinen Sack auf dem Ru\u0308cken, kein Geld in den Gu\u0308rteln! Josua hat mit Gewalt und Grausamkeit das Land erobert, Christus verbietet alle Gewalt und predigt Barmherzigkeit und Frieden. Im Gesetz hei\u00dft es: Aug&#8216; um Auge, Zahn um Zahn, im Evangelium: wenn dich jemand auf die eine Backe schl\u00e4gt, so biete ihm auch die andere dar. Der Gott des Alten Testaments verlangt Gehorsam und richtet die Ungehorsamen, der Gott Jesu verlangt nur Glauben und straft die Su\u0308nder nicht. Der alte Gott war schon Adam und allen folgenden Geschlechtern bekannt, der Vater Christi war unbekannt, wie Christus selbst bezeugt hat: niemand hat den Vater erkannt au\u00dfer der Sohn. Und als Petrus in C\u00e4sarea das gro\u00dfe Bekenntnis zur Gottessohnschaft seines Meisters ablegte, musste dieser ihm Schweigen auferlegen, denn Petrus hielt ihn f\u00e4lschlich fu\u0308r den Sohn des anderen Gottes.<\/p>\n<p>Wie verh\u00e4lt sich nun nach Marcions Konzept der bekannte, wie der unbekannte Gott zur Welt und zum Menschen? Der bekannte hat die Welt geschaffen: er ist der Demiurg; der unbekannte hat blo\u00df seinen Sohn gesandt. Er ist au\u00dfer der Welt, ein hyperkosmisches Wesen, die Welt geht ihn nichts an. Er ist der &#8222;Fremde&#8220;, der &#8222;gute Fremde&#8220;: in allen marcionitischen Gemeinden und allen Sprachen, deren sie sich bedienten, war dies die Bezeichnung fu\u0308r die Gottheit. Das Evangelium ist die frohe Botschaft vom fremden Gott: unser Raum ist die Welt, die grauenvolle Welt des Sch\u00f6pfergottes, der gute Gott aber winkt uns in eine selige Ferne. Wir leben auf der Erde nicht etwa im Exil: sie ist unsere Heimat, und wir k\u00f6nnen ihr nur entrinnen, wenn wir uns von ihrem und unserem Sch\u00f6pfer lossagen. Dies ist die gro\u00dfartigste Leugnung der Materie, die vielleicht jemals durch eines Menschen Haupt gegangen. Der fremde Gott ist reine Gu\u0308te und nichts als Gu\u0308te; keine anderen Eigenschaften k\u00f6nnen von ihm ausgesagt werden. Sein ganzes Wesen ersch\u00f6pft sich in erbarmender Liebe, seine Wirksamkeit in Selbstoffenbarung, die identisch ist mit Erl\u00f6sung. Eben weil dieser Gott ganz Liebe ist, hat er sich aus purer Gnade eines Gebildes angenommen, das ihm v\u00f6llig fremd ist: er ist die unbegreifliche Liebe. Und eben weil er ganz und gar nicht von dieser Welt, nicht einmal als ihr Sch\u00f6pfer mit ihr verbunden ist, vermag er die Menschen u\u0308ber die Welt zu erheben. Dies ist das unfassliche Mirakel der christlichen Heilsbotschaft. ,,O Wunder u\u0308ber Wunder, Verzu\u0308ckung, Macht und Staunen, dass man gar nichts u\u0308ber das Evangelium sagen, nichts daru\u0308ber denken, es mit nichts vergleichen kann&#8220;: so lauteten die ersten Worte der &#8222;Antithesen&#8220;.<\/p>\n<p>Betrachten wir es recht, so ist jener geheimnisvolle Fremde niemand anders als der &#8222;liebe Gott&#8220;, zu dem noch heute jedes kleine Kind betet. Denn die Metaphysikerfrage, ob Gott die Welt &#8222;geschaffen&#8220; habe, beku\u0308mmert eine reine und urspru\u0308ngliche Fr\u00f6mmigkeit nicht; ihr genu\u0308gt, dass er ist. Welche Eigenschaften aber besitzt der Demiurg? Er ist, sagt Marcion, weder gut noch b\u00f6se, sondern gerecht und schlimm, nicht <em>malus, <\/em>aber <em>conditor malorum, <\/em>Urheber der u\u0308bel: ein Gott, der seine Sache schlecht gemacht hat. Er sandte die Sintflut, den Brand Sodoms, die \u00e4gyptischen Plagen, er bestraft die V\u00e4ter an den Kindern und begu\u0308nstigt su\u0308ndhafte Menschen: den ehebrecherischen David, den unzu\u0308chtigen Salomo, den betru\u0308gerischen Jakob. Das vernichtendste Argument gegen ihn aber ist die Welt selbst, seine ganze Sch\u00f6pfung. Und es reut ihn auch, dass er sie gemacht hat. Dass aber in einer solchen Welt fu\u0308r den Menschen die Askese das einzig m\u00f6gliche Verhalten ist, ergibt sich von selbst. Und auch hier ist Marcion bis ans Ende gegangen: er gebot nicht nur gr\u00f6\u00dfte Enthaltsamkeit in Speise und Trank (die Ern\u00e4hrung, sagt Tertullian, halten die Marcioniten gewisserma\u00dfen fu\u0308r etwas Entehrendes), sondern untersagte auch seinen Gl\u00e4ubigen jeglichen Geschlechtsverkehr und taufte nur Ehelose oder die Verehelichten, die Keuschheit gelobten; denn wer sich fortpflanzt, hilft die Welt des Demiurgen verewigen, und weil wir S\u00f6hne des H\u00f6chsten geworden sind, soll die leibliche Sohnschaft aufh\u00f6ren. Der Demiurg ist nicht etwa der Widersacher des fremden Gottes: dies kann er schon deshalb nicht sein, weil er ihn ja gar nicht kennt, und seine Welt ist auch keineswegs teuflisch, vielmehr so gut, wie sie eben, aus Materie gemacht, sein kann. Er ist nicht das Prinzip des schlechthin B\u00f6sen wie Satan oder Ahriman oder wie &#8222;M\u00e2ra, der Versucher&#8220; in der buddhistischen Religion. Aber was ist er? Hier gelangt Marcion zu einem der zartesten und erhabensten Gedanken, die je ein Mensch gedacht hat: der Sch\u00f6pfer der Welt ist gerecht! Deshalb ist er nicht b\u00f6se; aber deshalb ist er auch nicht gut. Deshalb konnte er nur die &#8222;schlimme Welt&#8220; schaffen, in der alles gerecht zugeht, aber nicht gut, in der gerichtet wird, aber nicht geheiligt, in der die Rache herrscht, aber nicht die Gnade. Christus aber, der Sohn des fremden Gottes, hat die Liebe gebracht, die von der Welt erl\u00f6st, von allem in dieser Weh, auch von ihrer Gerechtigkeit. Sogar in die Unterwelt ist er hinabgestiegen und hat alle Verworfenen befreit: den b\u00f6sen Pharao, die Sodomiter, alle Heiden, selbst Kain. Nur Abel, Henoch, Mose, alle Patriarchen und Propheten konnten nicht gerettet werden. Denn sie glaubten an den Sch\u00f6pfergott und seine Welt der Gerechtigkeit. Nur der Su\u0308nder kann erl\u00f6st werden, denn er vermag die grundlose Gnade und uferlose Liebe des fremden Gottes zu erkennen, der Gerechte aber nicht, denn er ist im Gesetz verh\u00e4rtet, in Gesetzestreue und Gesetzesstolz blind fu\u0308r das Licht aus der Fremde.<\/p>\n<p>Versuchen wir uns das theologische System Marcions in gro\u00dfen Zu\u0308gen zu vergegenw\u00e4rtigen, so springen als seine reformatorischen Hauptgedanken ins Auge: die Leugnung der Messianit\u00e4t Jesu, die Ausscheidung des Alten Testaments aus dem christlichen Kanon und der Dualismus des fremden Gottes und des Sch\u00f6pfergottes. Dass Christus nicht der ju\u0308dische Messias war, kann wohl von keiner vorurteilslosen Betrachtung geleugnet werden. Urspru\u0308nglich ist der Messias bekanntlich ein weltlicher Nationalheros, aber auch in der gel\u00e4uterten Auffassung des sp\u00e4teren Judentums ist er niemals der leidende Messias, der die Schuld der ganzen Menschheit su\u0308hnt. In keinem einzigen der Zukunftsbilder, so sehr sie sich im Laufe der vielen Jahrhunderte gewandelt haben, ist von seinem Opfertode die Rede. Die beru\u0308hmte Stelle aus Deuterojesaja, die einzige, die so gedeutet werden k\u00f6nnte, versteht unter dem &#8222;leidenden Gottesknecht&#8220; ein Kollektivum und ist u\u0308berhaupt nicht Weissagung, sondern Ru\u0308ckblick. Ist aber der Heiland nirgends im Alten Bunde verku\u0308ndigt, welche Beziehung besteht dann zwischen den beiden Teilen der Bibel? Nach Marcion verhalten sie sich wie polare Gegens\u00e4tze, nach der Auffassung der Kirche wie Stufen: das Alte Testament ist <em>legisdatio in servitutem, <\/em>das Neue Testament <em>legisdatio in libertatem. <\/em>Aber ist das Judentum wirklich eine Art Vorhalle des Christentums? Wenn man will, ist alles Vorhalle, und eine im vorigen Jahrhundert sehr beliebte, heute glu\u0308cklicherweise schon im Verschwinden begriffene Geschichtsmethode pflegte jedes historische Ph\u00e4nomen mosaikartig aus &#8222;vorbereitenden Momenten&#8220; aufzubauen. Dann freilich sind nicht blo\u00df Mose und Daniel, sondern auch Plato und Philo, Buddha und Zarathustra Vorl\u00e4ufer des Christentums. Aber das Christentum hat keinen &#8222;Unterbau&#8220;! Eben weil Marcion das schlechthin Neue, Weltumwandelnde des Evangeliums so erschu\u0308tternd empfand, wollte er von einem Alten Testament als Heiliger Schrift nichts wissen, <em>ohne <\/em>dass er geleugnet h\u00e4tte, dass darin viel Nu\u0308tzliches und Sch\u00f6nes zu lesen sei. Deshalb erlaubte er auch seinen Ju\u0308ngern dessen Lektu\u0308re; jedoch nur an der Hand der &#8222;Antithesen&#8220;. Aber es ist schon so, wie Harnack sagt: &#8222;Was christlich ist, kann man aus dem Alten Testament nicht ersehen. &#8222;Dasselbe hatte bereits Schleiermacher erkannt. Aber auch Nietzsche empfand mit voller Deutlichkeit, dass es sich hier um zwei ganz verschiedene Ebenen handelt, als er (natu\u0308rlich von seinem Standpunkt des &#8222;Antichrist&#8220;) in &#8222;Jenseits&#8220; sagte: Dieses &#8222;Neue Testament, eine Art Rokoko des Geschmacks in jedem Betrachte, mit dem Alten Testament zu einem Buche zusammengeleimt zu haben, als ,Bibel&#8216;, als ,das Buch an sich&#8216;: das ist vielleicht die gr\u00f6\u00dfte Verwegenheit und ,Su\u0308nde wider den Geist&#8216;, welche das literarische Europa auf dem Gewissen hat&#8220;; und in der &#8222;Morgenr\u00f6te&#8220; spricht er von dem &#8222;unerh\u00f6rten philologischen Possenspiel&#8220;, das man um das Alte Testament herum aufgefu\u0308hrt habe: &#8222;Ich meine den Versuch, das Alte Testament den Juden unter dem Leib wegzuziehen, mit der Behauptung, es enthalte nichts als christliche Lehren und geh\u00f6re den Christen als dem wahren Volke Israels: w\u00e4hrend die Juden es sich nur angema\u00dft h\u00e4tten &#8230; u\u0308berall sollte im Alten Testament von Christus und nur von Christus die Rede sein &#8230; alles Anspielungen und gleichsam Vorspiele des Kreuzes!&#8220;<\/p>\n<p>Gerade weil das Alte Testament in einzelnen Teilen ein Dokument der reinsten und erhabensten Ethik ist, die u\u0308berhaupt vor dem Erscheinen des Heilands m\u00f6glich war, darf man jene anderen Partien nicht geflissentlich u\u0308bersehen, in denen der Gegengeist sich offenbart: die Predigt der Rachsucht und Rohheit, des Hasses und Hochmuts. Man denke zum Beispiel an die Eroberung des Gelobten Landes: nichts als Mord und Tu\u0308cke, giftige Schadenfreude, teuflische Grausamkeit, ein einziger langer Jubelschrei des Blutrausches: &#8222;Keiner blieb u\u0308brig!&#8220; Man darf freilich diese kranken Halluzinationen einer zu\u0308gellosen Vernichtungswut nicht allzu w\u00f6rtlich nehmen, denn die nachexilischen Juden (von denen diese sp\u00e4te Schilderung stammt) waren gro\u00df im Aufschneiden; aber es bleibt das barbarische Behagen an diesen in der Phantasie wollu\u0308stig nachgeschmeckten Animalit\u00e4ten. Nirgends die geringste Anwandlung, die Seele des Feindes zu achten, ja auch nur zu beachten: er ist nur Schlachtvieh. Dieser erschu\u0308tternde Kampf zwischen zwei Welten, der sich durch das ganze Alte Testament zieht, macht dieses zu einem der dramatischsten Bu\u0308cher der Weltliteratur.<\/p>\n<p>Man sagt uns zwar, diese Dinge mu\u0308ssten &#8222;entwicklungsgeschichtlich&#8220; betrachtet werden: dieser Jahwe der Wu\u0308ste sei nur eine Art &#8222;Vorjahwe&#8220;, es handle sich hier (und anderw\u00e4rts im Alten Testament) um eine fru\u0308he Schicht der israelitischen Gottesvorstellungen, die sich nur gleichsam illegitim behauptet habe. Aber ist der Gegenstand der Bibel die hebr\u00e4ische Geschichte oder der christliche Glaube? Was wir aus dem Buch der Bu\u0308cher zu empfangen wu\u0308nschen, ist Anleitung zum seligen Leben, nicht zur Religionswissenschaft. Wir wollen daraus erfahren, wie wir zu Gott gelangen k\u00f6nnen, nicht, wie die Juden allm\u00e4hlich zu ihrem Gott gelangten. Dieses gewiss h\u00f6chst lehrreiche, ja sogar erbauliche Thema m\u00f6ge der Ethnologe, der Altertumsforscher, der Geschichtspsychologe, der Kulturphilosoph ergru\u0308nden: ein christliches Problem ist es nicht. <strong>Das Alte Testament ist, wie jedermann wei\u00df, eine Sammlung von literarischen Produkten sehr ungleichen Alters und sehr ungleichen Werts.<\/strong> Eine Sichtung und Redaktion hat wohl im Lauf der Zeiten stattgefunden; aber sie geschah nie nach religi\u00f6sen Gesichtspunkten: n\u00e4mlich nicht nach den Gesichtspunkten der einzigen Religion, die diesen Namen verdient: der christlichen. Als Christus erschien, war der Text des Alten Testaments bereits unwiderruflich fixiert, und wir haben bereits geh\u00f6rt, dass es bis auf Marcion die einzige heilige Schrift auch fu\u0308r die Christen bildete und dass selbst Marcion es nicht wagte, seinen Inhalt durch Streichungen oder \u00c4nderungen zu korrigieren. Das Judentum, wie es sich nach dem Exil entwickelt hat, ist von allem Anfang an eine Buchreligion gewesen, im Gegensatz zum Urchristentum, das in erster Linie Botschaft, Predigt, Gemeindebewusstsein war. <strong>Es liegt in der Natur einer solchen Religion, dass sie einen u\u0308bertriebenen Respekt vor dem &#8222;Es steht geschrieben&#8220; bekundet<\/strong> und dazu neigt, alles &#8222;Alte&#8220;, soweit es literarisch bezeugt ist, kritiklos fu\u0308r &#8222;heilig&#8220; hinzunehmen; und dazu kommt noch, dass die Juden immer eine besondere Vorliebe fu\u0308r Schriftliches hatten: alles in Buchstaben Fixierte ist fu\u0308r sie eine Wahrheit h\u00f6herer Ordnung und daher bis zu einem gewissen, Grade sakrosankt; nur ein geschriebener Vertrag ist wirklich gu\u0308ltig, dieser aber unter allen Umst\u00e4nden: und das ganze Alte Testament ist ja eigentlich nichts anderes als ein immer wieder erneuerter Vertrag zwischen Jahwe und Israel, der fortlaufende Schriftsatz eines Prozesses zwischen Volk und Gott.<\/p>\n<p>So kam es, dass sie in der Auswahl wenig rigoros waren und vieles mitschleppten, was sie selbst nicht mehr glaubten. Aber es gibt ein Stu\u0308ck im Alten Testament, um deswillen man fast versucht w\u00e4re, alles u\u0308brige in den Kauf zu nehmen, und es steht ganz am Anfang: es ist die Geschichte vom Su\u0308ndenfall. Die Su\u0308nde der ersten Menschen besteht darin, dass sie vom Baum der Erkenntnis essen; der Verstand ist also das B\u00f6se, er ist nicht von Gott, sondern vom Teufel, &#8222;des Teufels Hure&#8220;, wie Luther sich drastisch ausdru\u0308ckte, die Mitgift der Schlange, auf deren Rat es zum Genuss der verbotenen Frucht kommt. Er ist die gro\u00dfe Versuchung des Menschen, die dieser nicht bestanden hat. Und seine Strafe dafu\u0308r ist die Arbeit, zu der er verflucht wird. Erkenntnis und Arbeit sind fortan das Los des Menschen, seine Erbsu\u0308nde und sein Erbfluch. Und seitdem muss er sterben. Aber wo in der ganzen Geschichte des Alten Bundes kehrt dieses machtvoll angeschlagene Leitmotiv wieder, obgleich es doch, so sollte man annehmen, wie ein eherner Glockenton durch das ganze fernere Menschheitsdrama schallen mu\u0308sste? Als Adam und Eva vom Apfel gegessen hatten, sahen sie, dass sie nackt waren, das hei\u00dft: sie erkannten, dass sie Mann und Weib waren: also auch Geschlechtlichkeit ist Su\u0308nde. Die h\u00f6chsten Gu\u0308ter aber, die alle Frommen Israels preisen, K\u00f6nige und Propheten, Priester und Patriarchen, sind unbegrenzte Fruchtbarkeit des Menschen, unersch\u00f6pflicher Segen der Erde, unfehlbares Wissen um das Gesetz: Brunst, Arbeit, Erkenntnis; der dreifache Adamsfluch.<\/p>\n<p>Und in der Tat ist der Anfang der Genesis ein eingesprengter Fremdk\u00f6rper. Schon eine sehr alte babylonische Abbildung zeigt einen Baum, zur Rechten einen Mann, zur Linken ein Weib und dahinter eine Schlange. Das Paradies entspricht den Inseln der Seligen in der epischen Dichtung der BabyIonier. Dort findet sich auch die Verfu\u0308hrungsgeschichte. Die Entstehung des ganzen Abschnittes f\u00e4llt in die Zeit der Assyrerherrschaft, die in Pal\u00e4stina eine Periode des religi\u00f6sen Synkretismus war. Deshalb sagt auch Schopenhauer: &#8222;Die Verbindung des Neuen Testaments mit dem Alten ist im Grunde nur eine \u00e4u\u00dferliche, eine zuf\u00e4llige, ja erzwungene, und den einzigen Anknu\u0308pfungspunkt fu\u0308r die christliche Lehre bot dieses nur in der Geschichte vom Su\u0308ndenfall dar \u2026 der im Alten Testament wie ein <em>hors d&#8217;\u0153uvre<\/em> dasteht.&#8220; Zwischen der Gottheit des Alten und der Gottheit des Neuen Testaments kann es daher nicht Identit\u00e4t oder Harmonie, auch nicht das Verh\u00e4ltnis halber und voller Offenbarung geben, sondern nur schroffe Alternative. &#8222;Ihr mu\u0308sst&#8220;, sagt Kant, &#8222;zwischen Jahwe, dem <em>deus ex machina, <\/em>und Gott, dem <em>deus ex anima, <\/em>w\u00e4hlen, fu\u0308r beide ist nebeneinander nicht platz.&#8220;<\/p>\n<p>Warum aber hat Marcion Adonai nicht einfach als falschen Gott verworfen? Weil er u\u0308berzeugt war, dass dieser die Welt wirklich regiert. Als sein Werk verku\u0308ndet sie seinen Namen. Und der Mensch ist sein Ebenbild, ein kleiner Gott, freilich: ein Judengott. Auch hierfu\u0308r lie\u00dfe sich manche Andeutung im Neuen Testament finden. Im ersten Brief Johannis hei\u00dft es: <em>&#8222;So jemand die Welt lieb hat, in dem ist nicht die Liebe des Vaters &#8230; denn alles, was in der Welt ist &#8230; ist nicht vom Vater, sondern von der Welt&#8220;, und in dem Evangelium desselben Johannes sagt der Heiland zu den Juden: &#8222;Ihr seid von Eurem Vater, dem Teufel.&#8220;<\/em> Von hier bedurfte es fu\u0308r Marcion offenbar nur eines Schritts, um dem Demiurgen, dem Vater des B\u00f6sen, dem Herrn der Erde oder wie man ihn sonst nennen will, Sch\u00f6pferkr\u00e4fte zuzuerkennen und ihm die Welt zuzuschreiben. Auch Augustinus lehrt im Einklang mit fast allen Kirchenv\u00e4tern, das Reich der Welt sei ein <em>magnum latrocinium, <\/em>eine gro\u00dfe R\u00e4uberh\u00f6hle, von D\u00e4monen regiert. Das B\u00f6se, sagt Kant, ist der Fu\u0308rst dieser Welt, das Gute ist nicht von dieser Welt, das B\u00f6se ist nur von dieser Welt. Der gute Gott muss daher notwendig der fremde Gott sein. Er ist, wie Meister Eckhart sagt, von der Welt &#8222;abgeschieden&#8220;: &#8222;Wisst ihr, wovon Gott Gott ist? Davon, dass er ohne alle Kreaturen ist! Selbst als er Himmel und Erde schuf und alle Kreatur, das ging seine Abgeschiedenheit so wenig an, als ob er nie etwas geschaffen h\u00e4tte.&#8220; Und der fremde Gott kann nur der unbekannte sein; auch dies predigt Meister Eckhart: &#8222;Wollt ihr Gott aber in Wahrheit erkennen, so mu\u0308sst ihr einsehen, dass er etwas Unbekanntes ist! Dionysius hat das gesagt&#8220;; und in der Tat lehrte dieser, Gott lasse sich nur durch Verneinungen, lautlos und im Dunkel erkennen. Insofern kann man sagen, dass jeder wahre Christ zugleich Gnostiker und Agnostiker ist. &#8222;Erhabener, lebendiger Wille&#8220;, ruft Fichte in der &#8222;Bestimmung des Menschen&#8220;, &#8222;den kein Name nennt und kein Begriff umfasst, wohl darf ich mein Gemu\u0308t zu Dir erheben, denn Du und ich sind nicht getrennt &#8230; Wie Du fu\u0308r Dich selbst bist und Dir selbst erscheinst, kann ich nie einsehen. Nach tausendmal tausend durchlebten Geisterleben werde ich Dich noch ebenso wenig begreifen als jetzt, in dieser Hu\u0308tte von Erde.&#8220;<\/p>\n<p>Wir sehen, wie die tiefsten christlichen Denker um den Marcionitismus ihre Kreise ziehen, ohne dass sie ihn doch jemals zu beru\u0308hren wagen. Denn in der Tat: hier herrscht in r\u00e4tselhafter Durchdringung lauterstes Licht und dazwischen schrecklichste Finsternis: n\u00e4mlich Zweig\u00f6tterei! W\u00e4re dies nicht, so w\u00e4ren wir vielleicht heute alle Marcioniten. Der Marcionitismus ist etwas Schauerliches, zweifellos; und trotzdem kann man ihn nicht unchristlich nennen. Aber vielleicht ist der Demiurg blo\u00df ein Engel des guten Gottes? Wir haben schon geh\u00f6rt, dass der Gnostiker Saturnilus dies behauptete; auch Apelles, der bedeutendste Schu\u0308ler Marcions, der aber dessen ebenso ku\u0308hnes wie konsequentes System doch schon stark umgebogen und verw\u00e4ssert hat, lehrte die Monarchie Gottes und wies dem Sch\u00f6pfer nur einen untergeordneten Rang an. Wir k\u00f6nnten auch sagen: der Demiurg ist Luzifer, der gefallene Engel; sein Fall besteht eben darin, dass er die Welt geschaffen hat. Eine Wehsch\u00f6pfung durch Luzifer wu\u0308rde nicht der Allmacht Gottes widerstreiten, denn Gott, u\u0308ber allem Schaffen und Nichtschaffen thronend, vermag jeden Sch\u00f6pfungsakt zuzulassen. Ob man hierbei die kosmologischen Vorstellungen der Genesis oder der heutigen Astronomie im Auge hat, ist fu\u0308r den theologischen Aspekt belanglos: es ist v\u00f6llig gleichgu\u0308ltig, ob man sagt, Gott (oder Luzifer) habe die Welt geschaffen, oder ob man sagt, er habe die Erde geschaffen, denn dem Menschen ist von Gott, seinem Vater, die irdische Laufbahn aufgegeben und nur diese; Milchstra\u00dfen und Spiralnebel k\u00f6nnen daran nichts \u00e4ndern und verschieben das Problem auf eine falsche Ebene, wodurch nur Konfusion entstehen kann.<\/p>\n<p>Ferner k\u00f6nnte man versuchen, sich den Marcionitismus dadurch annehmbarer zu machen, dass man sich vorstellt, die Sch\u00f6pfung Luzifers sei eine Scheinwelt. Das ist sie natu\u0308rlich. Weshalb auch, im naiven, aber tief symbolischen Volksglauben so gut wie bei allen Theosophen und Mystikern, Satan immer als der Realist gekennzeichnet ist. Darin eben besteht seine Hinterlist. Aber andrerseits muss er zwangsl\u00e4ufig diesen Standort einnehmen, denn wollte er diese Welt als Schein, Traum und Trug demaskieren, so mu\u0308sste er ja sein eigenes Werk diskreditieren. Aus demselben Grunde ist er stets der hartn\u00e4ckige und exklusive Rationalist (so erscheint er auch noch in seiner letzten, v\u00f6llig verbu\u0308rgerlichten Form bei Goethe), denn das Organ, womit diese Welt als die &#8222;wirkliche&#8220; erkannt wird, ist der Verstand. Dies meint ja auch der Name Luzifer, Lichtbringer (und nicht viel anders verh\u00e4lt es sich mit dem gestu\u0308rzten Halbgott Prometheus, dem Feuerbringer oder Vater der Technik). Und schlie\u00dflich ist Satan auch Sensualist, Verteidiger und F\u00f6rderer der Sinnenlust, denn die Sinne best\u00e4tigen ebenfalls seine Welt. Fu\u0308r das gesunde Empfinden aber ist er der Winkeladvokat, Taschenspieler und Oberintrigant, seine &#8222;Realit\u00e4t&#8220; Schwindel, seine Ratio Sophistik, seine Sinnenbejahung Versuchung. Denn es ist h\u00f6chst unwahrscheinlich, dass es \u00f6fter als hie und da einen Menschen gegeben hat, der an die Realit\u00e4t wirklich und wahrhaftig, mit voller \u00dcberzeugung und Inbrunst, ohne jeden Abstrich und Vorbehalt geglaubt h\u00e4tte. Alle unsere Erlebnisse und Erkenntnisse, Taten und Theoreme umgibt ein tru\u0308ber Hof von Ungewissheit. Zwischen uns und die Dinge ist ein Flor gespannt, wie im Theater, wenn &#8222;Vision&#8220; markiert werden soll. Alles, was &#8222;geschieht&#8220;, hat das Stigma des Provisoriums, Man\u00f6vers und Intermezzos. Gerade auf den H\u00f6hepunkten unseres Daseins: in den Augenblicken der tiefsten Ergriffenheit durch die Macht der Natur, die Macht der Liebe, unsere eigene Macht, u\u0308berf\u00e4llt uns dieses Gefu\u0308hl am st\u00e4rksten. Es ist, wie Seneca sagt, &#8222;alles nur geliehenes Tafelger\u00e4t&#8220; und, nach Marc Aurels du\u0308sterer Weisheit, &#8222;unsere Zeit ein Augenblick, was zum Leib geh\u00f6rt, ein Strom, was zur Seele geh\u00f6rt, ein Traum, das Leben eine Reise in fremdem Land und der Nachruhm Vergessenheit&#8220;. Wer wagt es, &#8222;mein&#8220; zum Dasein zu sagen? Alle D\u00f6rfer dieser Welt sind von Potemkin. Es herrscht eine stillschweigende \u00dcbereinkunft unter allen, blo\u00df so mitzumachen, und zugleich die Verabredung, kein Spa\u00dfverderber zu sein und u\u0308ber diese geheime Spielregel niemals laut zu sprechen.<\/p>\n<p>Schon der &#8222;Wilde&#8220; oder &#8222;Primitive&#8220; (und gerade er, weil er, naturnah, die Natur durchschaut), glaubt nicht an die Solidit\u00e4t der Szenerie und Maschinerie, die ihn umgibt, er h\u00e4lt sie fu\u0308r einen Zauber, ja vielleicht sogar fu\u0308r einen &#8222;faulen Zauber&#8220;. Aber wir alle wissen so gut wie er, dass wir in einem gro\u00dfen Spukhaus leben. Niemand ist, auch wenn er die Stimme des Zweifels zu d\u00e4mpfen oder niederzuzischen versucht, in Wahrheit so dumm, seinem Verstand und dessen Gespinsten zu trauen. Es ist alles nur Rauch und Rausch, Wolkenspiel und Schleiertanz, eine Viertelstunde Regenbogen; &#8222;und selbst die Tr\u00e4ume sind ein Traum&#8220;. Dies kommt daher, dass der Teufel blo\u00df Blendwerk zu schaffen vermag, virtuose Imitation, von der sich nur der Intellekt foppen l\u00e4sst, weil er selbst ein ohnm\u00e4chtiges Satansspektakel ist.<\/p>\n<p>Aber dies alles erwogen: man kann sich dennoch, so erhaben der Gedanke der grundlosen Gu\u0308te des fremden Gottes ist, unm\u00f6glich mit der Voraussetzung abfinden, dass Gott bis zum Erscheinen seines Sohnes der Welt v\u00f6llig abgewendet gewesen sei, dass er je eine rein luziferische geduldet habe. Denn da Gott die unendliche Gu\u0308te ist, so muss diese alles beru\u0308hren, auch was au\u00dfer ihr ist, auch was gegen sie ist. Hier k\u00f6nnte uns vielleicht ein R\u00e4tselwort Marcions den Weg weisen, aber nur wie ein du\u0308steres und flackerndes Fackellicht. Er sagt n\u00e4mlich einmal, der gute Gott habe das Unsichtbare geschaffen. Meinte er damit, dass es neben der Welt des Demiurgen noch eine zweite Welt gebe, eine &#8222;gute&#8220; Welt, die entweder vor der materiellen bestand, als eine pr\u00e4existente geistige, oder hinter der luziferischen besteht, als die &#8222;wahre&#8220;? Denn das Sichtbare ist nicht blo\u00df das B\u00f6se, sondern auch das Unwirkliche. Wir wissen es nicht, denn der Text Marcions ist uns weder vollst\u00e4ndig noch authentisch erhalten, er ist untergegangen und wir k\u00f6nnen ihn uns nur aus den Schriften rekonstruieren, die gegen den Marcionitismus gerichtet waren: es sind dies in erster Linie die christliche Apologie Justins, das gro\u00dfe Werk des Iren\u00e4us &#8222;Adversus haereses&#8220;, die &#8222;Stromata&#8220; des Clemens Alexandrinus und die &#8222;Fu\u0308nf Bu\u0308cher gegen Marcion&#8220;, die Tertullian verfasst hat. Sehr bemerkenswert ist es, dass der bedeutendste heidnische Polemiker der Fru\u0308hzeit, Celsus, der in seinem &#8222;Sermo verus&#8220; einen umfassenden Angriff gegen das Christentum richtete, die marcionitische Kirche als eine der katholischen vollkommen ebenbu\u0308rtige behandelte; ihm erwiderte der gro\u00dfe Origenes in seiner Schrift &#8222;Adversus Celsum&#8220;. &#8222;Warum&#8220;, fragt Celsus, &#8222;l\u00e4sst der obere Gott einen schlechten Demiurgen, der sich ihm widersetzt, schalten und walten? Das ist mir ein verehrungswu\u0308rdiger Gott, der danach trachtet, der Vater von Su\u0308ndern zu sein, die von einem anderen verdammt und verworfen sind, und der nicht imstande ist, den er gesandt hat, zu r\u00e4chen!&#8220; Man kann von Celsus, der kein Christ war, kein Verst\u00e4ndnis dafu\u0308r erwarten, dass der gute Gott gerade danach trachtet, der Vater der Su\u0308nder zu sein, und dass er den Tod seines Sohnes nicht r\u00e4cht; aber der Einwand, warum er den Demiurgen frei schalten lasse, musste in der Tat auch damaligen Christen zu denken geben. Vielleicht hat Marcion gemeint, dass der Geist Gottes, in Unsichtbarkeiten thronend, schon immer durch die Welt wehte und deren Lauf daher auf die Ankunft seines Sohnes angelegt war, welche freilich nur seiner Allwissenheit bekannt war. Doch das sind blo\u00dfe Vermutungen; was aber Marcion mit voller Deutlichkeit und h\u00f6chstem Nachdruck betont hat, ist die Fortdauer des demiurgischen Regiments auch w\u00e4hrend des christlichen Aeons. &#8222;Marcion glaubt&#8220;, sagt Tertullian, &#8222;dass er vom Reich des Sch\u00f6pfers erl\u00f6st sei, aber in der Zukunft, nicht in der Gegenwart.&#8220; Die Herrschaft des Sch\u00f6pfergottes endet also erst mit dem Ju\u0308ngsten Gericht. Solange dieses S\u00e4kulum besteht, dauert auch noch die Regierung des Gottes dieses S\u00e4kulums.<\/p>\n<p>Und so verh\u00e4lt es sich ja auch in der Tat. Das einzige, wodurch sich die christliche Welt von der vorchristlichen unterscheidet, ist das Wissen um Gott und seinen Sohn und der Glaube an dieses Wissen; Glauben aber hei\u00dft sich auf die unverdiente Liebe Gottes in Christo verlassen. Der luziferische Lauf der Welt hat sich nicht ge\u00e4ndert. Dass aber Gott dennoch hienieden wirkt und webt, ist ebenso unbezweifelbar wie unerkl\u00e4rlich. Hier stehen wir, in dem tiefsten Sinne, der diesem Wort gegeben werden kann, im &#8222;Unsichtbaren&#8220;. Dies ist alles, was eine christliche Geschichtsbetrachtung, die die Ehrlichkeit der Bequemlichkeit vorzieht, an Theodizee beizubringen vermag. Und dennoch sagt Gustav Droysen in der Einleitung zum zweiten Bande seiner &#8222;Geschichte des Hellenismus&#8220; mit Recht: &#8222;Die h\u00f6chste Aufgabe unserer Wissenschaft ist ja die Theodizee.&#8220; Aber es ist eine unendliche Aufgabe. Gerade darin, dass sie immer wieder: von jedem Zeitalter, jedem Volk, jedem Stand, jedem Individuum aufs neue gestellt wird, erfu\u0308llt sich das historische Schicksal. &#8222;\u00dcber allem&#8220;, schreibt Ranke in einem Brief an seinen Bruder Otto, &#8222;schwebt die g\u00f6ttliche Ordnung der Dinge, welche zwar nicht gerade nachzuweisen, aber doch zu ahnen ist.&#8220; Diese g\u00f6ttliche Ordnung der Dinge ist identisch mit der Aufeinanderfolge der Zeiten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>EIN VORWORT ZUR KULTURGESCHICHTE \u00c4GYPTENS UND DES ALTEN ORIENTS. von Egon Friedell. Durch den donnernden Flutgang der Jahrtausende t\u00f6nt eine Stimme, tr\u00f6stend und warnend: des Menschen Reich ist nicht von dieser Welt. Aber daneben erklingt eine brausende Gegenstimme: diese Erde voll Glanz und Finsternis geh\u00f6rt Dir, dem Menschen; sie ist Dein Werk und Du das &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"https:\/\/www.artokora.de\/?p=5151\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201eDas gnostische System des Marcion\u201c<\/span> weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":5153,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[144],"tags":[235,236,217,223,230,220,215,168,225,226,229,234,221,218,233,232,222,231,219,216,54,228,227,224,57],"class_list":["post-5151","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-moderne-philosophie","tag-aegypterevangelium","tag-apostelgeschichte","tag-augustinus","tag-basilidianer","tag-bibel","tag-clemens-alexandrinus","tag-friedell","tag-gnosis","tag-johannes","tag-justinus","tag-katholizismus","tag-lukas","tag-macioniten","tag-marcion","tag-markus","tag-matthaeus","tag-montanisten","tag-neues-testament","tag-origenes","tag-pascal","tag-paulus","tag-protestantismus","tag-sokrates","tag-valentianer","tag-valentinus"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.artokora.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5151"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.artokora.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.artokora.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.artokora.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.artokora.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=5151"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.artokora.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5151\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":6926,"href":"https:\/\/www.artokora.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5151\/revisions\/6926"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.artokora.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/5153"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.artokora.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=5151"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.artokora.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=5151"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.artokora.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=5151"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}