{"id":4976,"date":"2014-05-29T16:38:36","date_gmt":"2014-05-29T14:38:36","guid":{"rendered":"http:\/\/www.artokora.de\/?p=4976"},"modified":"2020-02-12T10:21:32","modified_gmt":"2020-02-12T08:21:32","slug":"rechtglaeubigkeit-oder-gnosis","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.artokora.de\/?p=4976","title":{"rendered":"Rechtgl\u00e4ubigkeit oder Gnosis"},"content":{"rendered":"<p>aus Karl-Heinz Deschner, Kriminalgeschichte des Christentums Band 1<\/p>\n<p><span style=\"color: #0000ff;\"><strong>AM ANFANG DES CHRISTENTUMS STAND KEINE \u00abRECHTGL\u00c4UBIGKEIT\u00bb<\/strong><\/span><\/p>\n<p>Nach kirchlicher Lehre beginnt das Christentum mit \u00abOrthodoxie\u00bb, mit \u00abRechtgl\u00e4ubigkeit\u00bb, der dann die \u00abH\u00e4resie\u00bb (airesis = die erw\u00e4hlte Meinung) als Abweichung gleichsam vom Urspru\u0308nglichen, seine Verf\u00e4lschung, folgte. Der Begriff \u00abH\u00e4resie\u00bb , bereits im Neuen Testament vorhanden, erscheint erstmals eindeutig negativ bei Bischof Ignatius im fru\u0308hen 2. Jahrhundert, der auch als erster den Begriff \u00abkatholisch\u00bb bringt \u2013 Jahrzehnte noch bevor es eine katholische Kirche gibt. Doch das Wort \u00abH\u00e4resie\u00bb hatte urspru\u0308nglich keinesfalls die Bedeutung, die es bekam. Biblische wie ju\u0308dische Autoren gebrauchten es anfangs nicht als Gegensatz zu dem \u2013 ja erst entstehenden \u2013 Ph\u00e4nomen der Orthodoxie. Vielmehr bezeichnete \u00abH\u00e4resie\u00bb auch in der klassischen Literatur zun\u00e4chst nur irgendeine wissenschaftliche, politische oder religi\u00f6se Ansicht, Gruppierung, Partei. Allm\u00e4hlich jedoch bekam der Begriff den Beigeschmack der Absonderung, wurde er diskreditiert, wurde der \u00abH\u00e4retiker\u00bb zum \u00abKetzer\u00bb, wenn dieser Ausdruck selbst auch erst seit dem 12. Jahrhundert in Deutschland u\u0308blich wird.<\/p>\n<hr \/>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>Sollte Dir ein Gedanke zu dem Text einfallen, dann schicke ihn bitte mir zu.\u00a0 <a href=\"http:\/\/www.artokora.de\/?page_id=74\"><span style=\"color: #ff0000;\">Vielen Dank.<\/span><\/a><\/em><\/p>\n<hr \/>\n<p>Das Schema aber: erst \u00abRechtgl\u00e4ubigkeit\u00bb dann \u00abKetzerei\u00bb, das die Kirche schon zur Aufrechterhaltung ihrer <strong>Fiktion einer angeblich ununterbrochenen apostolischen \u00dcberlieferung<\/strong> braucht, ist nichts als eine <strong>nachtr\u00e4gliche Konstruktion und offenkundig falsch<\/strong> \u2013 so falsch wie die Lehre von dieser Tradition selbst. Das Geschichtsbild, das an den Ursprung des Christentums die reine, unverdorbene Lehre stellt, die im Lauf der Zeit durch H\u00e4retiker und Schismatiker beschmutzt worden sei \u2013 \u00abdiese beliebte Abfalltheorie\u00bb, schreibt heute selbst der katholische Theologe Stockmeier, \u00abentspricht nicht der historischen Wirklichkeit\u00bb. Vielmehr konnte es eine solche Entwicklung gar nicht geben, weil nirgends anfangs ein homogenes Christentum bestand. Es gab nur locker gefu\u0308gte Glaubensanschauungen und -s\u00e4tze. Aber es gab \u00absicher\u00bb weder ein \u00abma\u00dfgebliches christliches Glaubensbekenntnis (authoritative Christi an creed) noch irgendeinen bestimmten Kanon der christlichen Heiligen Schrift\u00bb (E. R. Dodds). Selbst der Rekurs auf Jesus nu\u0308tzt da nichts, weil die \u00e4ltesten christlichen Schriften nicht die Evangelien, sondern die Briefe des Paulus sind, die den Evangelien in Wesentlichem widersprechen, von weiteren gro\u00dfen Problemen hier zu schweigen.<\/p>\n<p>Nicht an gleiche, sondern an sehr verschiedene \u00dcberlieferungsstr\u00f6me und -formen also knu\u0308pfen die fru\u0308hen Christen an. Schon in der Urgemeinde rivalisierten mindestens zwei Fraktionen, \u00abHellenisten\u00bb und \u00abHebr\u00e4er\u00bb. Auch zwischen Paulus und den Uraposteln kam es zu heftigem Streit. Und was sp\u00e4ter verteufelt, verfolgt worden ist, war den Urspru\u0308ngen oft durchaus n\u00e4her als die \u00abRechtgl\u00e4ubigkeit\u00bb, die es dann verketzerte. Zum Beispiel aus machtpolitischen Gru\u0308nden, wobei man immer wieder die Theologie, den angeblich \u00abrechten\u00bb Glauben, vorschob, um kirchen-politische Konkurrenten besser bek\u00e4mpfen zu k\u00f6nnen. Oder aus Gru\u0308nden der Opportunit\u00e4t, weil ein solcher Glaube dem vorherrschenden Glauben einer Gegend entsprach.<\/p>\n<p>In gewissen Gebieten Kleinasiens, Griechenlands, Makedoniens, besonders aber in Edessa, \u00c4gypten, somit in einem gro\u00dfen Teil der alten Welt, wurde das Christentum von Anfang an (!) in einer Form gepredigt, die nicht dem entsprach, was man nachmals \u00aborthodox\u00bb nannte! Doch galt sie natu\u0308rlich in all diesen Gebieten als das Christentum schlechthin. Auch sah ihr Anhang gerade so hochmu\u0308tig und borniert auf andere Gl\u00e4ubige, etwa orthodoxe Christen, herab wie diese auf sie. Denn jede Richtung, Kirche, Sekte hielt sich fu\u0308r das \u00abeigentliche\u00bb, das \u00abwahre\u00bb Christentum.<\/p>\n<p><span style=\"color: #0000ff;\"><strong>Somit stand weder eine \u00abreine Lehre\u00bb im protestantischen Sinn am Beginn des neuen Glaubens, noch eine katholische Kirche.<\/strong><\/span> Vielmehr erfolgte nach der Trennung einer judaistischen Sekte von ihrer j\u00fcdischen Mutterreligion als zweiter gro\u00dfer Schritt die Entstehung der heidenchristlichen Gemeinden unter F\u00fchrung des Paulus \u2013 h\u00e4ufig in scharfer Auseinandersetzung mit den Judenchristen, den Uraposteln in Jerusalem. Dann konstituierte sich in der ersten H\u00e4lfte des 2. Jahrhunderts die Kirche Markions, die das ganze r\u00f6mische Reich umspannte und wahrscheinlich internationaler war als die in der zweiten Jahrhunderth\u00e4lfte sich bildende altkatholische Kirche, die mit Ausnahme des religi\u00f6sen Grundgedankens fast alles von Markion \u00fcbernahm, dem Sch\u00f6pfer auch des ersten Neuen Testaments.<\/p>\n<p>Nach der <em>communis opinio<\/em> entstand die altkatholische Kirche zwischen 160 und 180. Die bisher rechtlich voneinander unabh\u00e4ngigen Gemeinden schlossen sich nun zusammen, suchten eine Einigung \u00fcber die christliche Lehre und entschieden, wer als \u00abrechtgl\u00e4ubig\u00bb zu gelten habe und wer nicht. Auch diese Kirchen aber waren kein fertiger, unver\u00e4nderlicher Hort der \u00abOrthodoxie \u00bb, sondern eigent\u00fcmlich flexibel. Und die bald immer zahlreicher auftauchenden \u00abH\u00e4retiker\u00bb und \u00abH\u00e4resien\u00bb brachen nicht von au\u00dfen in die Kirche ein \u2013 dies \u00abist nachweislich ungeschichtlich\u00bb (v. Soden). Vielmehr kamen diese \u00abKetzer\u00bb gew\u00f6hnlich von innen heraus. Doch da man ihre meisten Schriften vernichtet hat sind wie nur sehr einseitig, entstellend, oft v\u00f6llig falsch \u00fcber sie unterrichtet.<\/p>\n<p>Im sp\u00e4teren 2. Jahrhundert, als sich die katholische Kirche konstituierte, h\u00f6hnt der heidnische Philosoph Celsus seit die Christen zu einer Menge angewachsen seien, entst\u00fcnden unter ihnen Spaltungen und Parteien, und jeder wolle sich \u2013 &#8222;denn danach trachteten sie von Anfang an\u00bb \u2013 einen eignen Anhang schaffen. \u00abUnd infolge der Menge trennen sie sich wieder voneinander und verdammen sich dann gegenseitig; so dass sie sozusagen nur noch eins gemeinsam haben, n\u00e4mlich den blo\u00dfen Namen .. . im \u00fcbrigen aber h\u00e4lt es von den Parteien diese so und jene anders!\u00bb Im fru\u0308hen 3. Jahrhundert kennt Bischof Hippolyt von Rom 32, Ende des 4. Jahrhunderts Bischof Philaster von Brescia 128 konkurrierende christliche Sekten (und 28 vorchristliche \u00abH\u00e4resien\u00bb!).<\/p>\n<p>Doch da politisch machtlos, tobt die vorkonstantinische Kirche, wie gegenu\u0308ber den Juden, sich auch im \u00abKetzer\u00bb-Kampf vorerst blo\u00df verbaliter aus, kommt zu dem stets schwerer werdenden Zerw\u00fcrfnis mit der Synagoge, die gleichfalls immer geh\u00e4ssigere Konfrontation mit allen andersgl\u00e4ubigen Christen. Ist ja gerade fu\u0308r die Kirchenv\u00e4ter jede Abweichung vom Glauben die schlimmste S\u00fcnde. Das n\u00e4mlich brachte Spaltung, Anh\u00e4ngerschwund, Machteinbu\u00dfen. So suchte man bei der Polemik weder den anderen Standpunkt wirklich kennen zu lernen noch kl\u00e4rte man, weil oft unm\u00f6glich oder gef\u00e4hrlich, ganz \u00fcber den eigenen auf. Vielmehr war es das einzige Ziel, \u00abden Gegner mit allen verf\u00fcgbaren Mitteln zu schlagen\u00bb (Gigon). \u00abDie antike Gesellschaft hatte wegen ihres sehr anderen, undogmatischen Religionsverst\u00e4ndnisses solche Glaubensstreitigkeiten vorher nicht gekannt\u00bb (Brox).<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>aus Karl-Heinz Deschner, Kriminalgeschichte des Christentums Band 1 AM ANFANG DES CHRISTENTUMS STAND KEINE \u00abRECHTGL\u00c4UBIGKEIT\u00bb Nach kirchlicher Lehre beginnt das Christentum mit \u00abOrthodoxie\u00bb, mit \u00abRechtgl\u00e4ubigkeit\u00bb, der dann die \u00abH\u00e4resie\u00bb (airesis = die erw\u00e4hlte Meinung) als Abweichung gleichsam vom Urspru\u0308nglichen, seine Verf\u00e4lschung, folgte. 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